Warum diese Angst?

18 Feb

Facebook tritt mal wieder den Beweis an, dass der gesellschaftliche Fortschritt eher von Kapitalist_innen als vom Staat ausgeht:

Die englischsprachige Version des Netzwerks bietet den Nutzern nämlich künftig an, sich nicht länger als „Mann“ oder „Frau“ zu definieren, sondern aus einer Liste zu wählen – und diese Liste enthält 50 verschiedene Geschlechtsidentitäten.

Bernd Matthies vom Tagesspiegel, der sich bereits anlässlich der Absichtserklärung im Koalitionsvertrag, Transphobie politisch bekämpfen zu wollen, ereifert hatte, man werde ja wohl noch Transsexualität kritisieren dürfen, stört sich auch an der Facebook-Neuerung:

Zwecklos, alle zu erklären oder auch nur zu erwähnen, aber vielleicht mag eine kleine Auswahl weiterhelfen: Cisgender Female, MTF, Neutrois, Trans Person (auch mit Stern in der Mitte), Transmasculine und Two Spirit.

Ja, wo sich einordnen? Die Klärung dieser Begriffe setzt eine Art Bachelor- Studium voraus; allein eine Frage wie jene, ob „Non Binary“ und „Genderqueer“ das Gleiche bedeuten, scheint allerhand anstrengende Diskussionen ausgelöst zu haben.

Ob Herrn Matthies bewußt ist, dass das neue Angebot in erster Linie für diejenigen gedacht ist, die sich in den binären Kategorien von „Mann“ und „Frau“ nicht wiederfinden? Ich glaube kaum, dass sie die Auswahlmöglichkeit anstrengend finden, sondern vielmehr begeistert sein werden darüber. Wenn Herr Matthies sich nun tatsächlich dafür interessieren würde, was der eine oder andere Begriff bedeutet, warum informiert er sich nicht darüber? Und wer sagt, dass jeder Mensch alle 50 Begriffe kennen, verstehen und voneinander abgrenzen können muss?

Facebook hat offenbar auch keine eigenen Recherchen angestellt, sondern sich mit „Aktivisten“ getroffen.

Keine eigenen Recherchen? Was um alles in der Welt sind Gespräche mit „Aktivisten“ anderes als Recherchen? Wo, bitte schön, hätte Facebook denn recherchieren sollen? Im Online-Archiv des trans-kompetenten Tagesspiegels vielleicht?

Jenen Menschen also, die immer so tun, als wären sie hundert Millionen, auch wenn sie vielleicht nur hundertfünf sind.

Und warum spielt es für den Respekt vor Menschen eine Rolle, ob es hundertfünf oder hundert Millionen von ihnen gibt? Bedeutet eine größere Anzahl einer bestimmten Menschengruppe, dass man ihnen daher einen größeren Respekt entgegen bringen sollte?

Hauptproblem von Matthies scheint sein Unverständnis für die Facebook-Entscheidung zu sein. Vielleicht hülfe tatsächlich das eine oder andere Gespräch mit „Betroffenen“, also Menschen, die sich nicht als „Mann“ oder „Frau“ verstehen:

Dabei fällt dann sicher auch ein wenig Lebenshilfe ab für uns Außenstehende, die das Konzept nicht wirklich verstehen, aber zu den Aktivisten nett sein wollen.

Ob „nett“ sein ausreicht, bezweifle ich. Klingt irgendwie ein wenig nach „Aktion Sorgenkind“. Passender wäre echtes Interesse für die Lebensrealität von Menschen zwischen den Geschlechtern.

Spricht man beispielsweise jemanden, der sich für „neutrois“ erklärt, mit „es“ an?

Vielleicht.

Wer sich erinnert, wie intensiv in Kreuzberg über die Einführung geschlechtsneutraler Toiletten debattiert wurde, fragt sich vermutlich auch, ob bald in jedem öffentlichen Gebäude 50 verschiedene notwendig sind – oder einige Gruppen doch zusammengefasst werden können?

Unisex-Toiletten wären eine Lösung. Oder eine mit Urinal und eine ohne. Aber das nur nebenbei.

Bemerkenswert finde ich, wie sich (mutmaßliche) Cis-Menschen von mehr Repräsentanz für Trans*-Menschen bedroht fühlen, obwohl ihnen dadurch nichts weggenommen wird. Außer ihrer Exklusivität.

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14 Antworten to “Warum diese Angst?”

  1. tikerscherk 18. Februar 2014 um 10:44 #

    Warum diese Angst? Gute Frage. In Indien, Polynesien, bei den Navajo-Indianern etc. gibt es eine gender variance, die niemanden beängstigt, und (meines Wissens) niemanden stigmatisiert.

  2. Arne Hoffmann 18. Februar 2014 um 11:45 #

    Sorry, aber: 58 verschiedene Geschlechter? Achtundfünfzig? Wo selbst ein Fachmann nicht mehr erklären kann, wo zwischen manchen Kategorien der Unterschied liegt? Warum dieser Overkill, der eher wie eine Satire wirkt, statt es mit Inter- und Transsexuell gut sein zu lassen? Wenn ich eine neue Kategorie erfinde, die weltweit vielleicht auf zehn Menschen zutrifft, nimmt Facebook die dann auch auf?

  3. keppla 18. Februar 2014 um 16:00 #

    Unisex-Toiletten wären eine Lösung. Oder eine mit Urinal und eine ohne. Aber das nur nebenbei.

    „Unisex“ wäre, wenn Facebook die Seite so umschreibt, dass alle formulierungen neutral sind (also „hallo, alice“ statt „hallo liebe alice“), „eine mit urinal und eine ohne“ wäre – surprise – „männlich oder weiblich“, weil mehr Formen unterscheidet die Sprache nicht.

    Bemerkenswert finde ich, wie sich (mutmaßliche) Cis-Menschen von mehr Repräsentanz für Trans*-Menschen bedroht fühlen

    Ich als CIS-Mensch fühle mich davon genau so „bedroht“ wie du von Männerrechtlern.

    Es bleibt das ungute Gefühl, dass es nicht wirklich darum geht, dass irgendwer danach besser „respektiert“ ist, weil er im Spam von einem gesichtslosen Datensammler total individuell angeredet wird, sondern eher darum, dass ein paar weltverbesseristen irgendwelche wahllosen Regeln etablieren möchten, damit sie in zukunft besser #aufschreien können.

    Klar, wäre schön, wenn es wirklich nur um Toleranz ginge (aber, wie gesagt: dazu reicht neutral, männlich, weiblich weil der Rest keine Auswirkung hat), erfahrungsgemäß tuts das aber nicht.

  4. keppla 18. Februar 2014 um 17:22 #

    @tikerscherk

    Und es zeigt auch gleichzeitig, wie wenig man sich davon erwarten kann: Indien, das Land der sexuellen toleranz macht’s uns vor. Japanisch und Koreanisch haben meines Wissens auch kein grammatikalisches Geschlecht, ist sicher ein Traum, sich dort als Transgender zu outen. Achne, sorry, es ist exakt andersrum.

    Das, was so gerne als „Angst“ denunziert wird, ist imho bei vielen (u.a. mir) einfach nur der Unwille, durch die beliebigen Sprachreifen zu Springen, die allenorten hingehalten werden. Wie das endet, sieht man sehr schön in der Mädchenmannschaft, die so viele Reifen hinhält, dass sie selber nicht mehr mitkommen, uns sich daher alle als Agenten der Intoleranz verdächtigen.

  5. petpanther 18. Februar 2014 um 19:28 #

    Warum diese Angst?

    Übergriffigkeiten in Persönliches. Erzwingung. Aufdrängung. Sprach- und Meinungsverbote. Diffamierende Unterstellungen. Manipulationen. Benutzen von eigentlich guten, aber auch nicht so guten menschlichen Instinkten. Verstetigtes wecken von Schuldgefühlen, Generierung negativer Identität. Dämonisierungen.

    Fehlende schlüssige Begründungen und Notwendigkeiten.

    Eindruck von Amoklauf eines anmaßenden nicht hinterfragenden Anprangerns von Menschen und Gruppen, einfordern von angeblichen Rechten, die andere in ihrem Lebensweisen ggf. negativ betreffen.

    Anmaßung andere „erziehen zu müssen, zu wollen“. Besetzung von Deutungshoheiten. Moralisierungen. Missionarismus. Eindruck von Drangsalierung.

    Motive von rassismus-artigen Drängen? Eindruck von Instrumentalisierung und Unehrlichkeit, von Aggression. Stigmatisierungen.

    Und noch mehr.

    Leben und leben lassen. Auch dann wenn man eine Minderheit ist, hat man Verantwortung, auch gegenüber der Mehrheit und nicht nur umgekehrt. Brave New Totalitaristic World Order mit mißbrauchten (vermeintlichen, postulierten) Rechten und Werten.

    Alles nicht wirklich vertrauensbildend. U.a. wohl deshalb. Find ich menschlich.

  6. Atacama 18. Februar 2014 um 20:02 #

    @Arne

    „Sorry, aber: 58 verschiedene Geschlechter? Achtundfünfzig? Wo selbst ein Fachmann nicht mehr erklären kann, wo zwischen manchen Kategorien der Unterschied liegt? “

    Reicht doch wenn die betroffenen es können

    „Wenn ich eine neue Kategorie erfinde, die weltweit vielleicht auf zehn Menschen zutrifft, nimmt Facebook die dann auch auf?“

    Du kannst es versuchen, wenn du noch eine Kategorie entdeckst die noch nicht abgedeckt ist. Es ist ja nun kein großer Aufwand, so eine Klickoption anzubieten, selbst wenn es nur für ein paar Menschen ist.

    „Das, was so gerne als “Angst” denunziert wird, ist imho bei vielen (u.a. mir) einfach nur der Unwille, durch die beliebigen Sprachreifen zu Springen, die allenorten hingehalten werden.“

    Wieso Sprachreifen? In der Interaktion mit einer Person, redet man ja in der Regel „mit“ ihr, also mit „Sie“ oder „du“ und nicht mit oder über ihr/em Gender.
    Selbst wenn man mit einem Vertreter einer anderen Spezies redet, ist das so. Wenn man mit einem Hund spricht redet man ihn mit Namen oder „hey du“ an und nicht mit „Golden Retriever Rüde“, es ist nicht wichtig, dass er ein Hund ist, welches Geschlecht oder welche Rasse für die Interaktion.
    Und wenn man nicht sicher ist, kann man so eine Person ja ganz einfach fragen, ob sie mit „Frau x“ oder „Herr x“ oder mit etwas anderem angeredet werden will.

  7. tikerscherk 19. Februar 2014 um 00:20 #

    @keppla- Ich denke ich weiß, was du mit „Sprachreifen“ meinst.
    Mein Eindruck ist aber auch, dass viele Menschen Probleme mit sexueller Varianz haben, und nicht nur mir den sprachl. Anforderungen, die sich daraus ergeben.
    @Arne Hoffmann- mir ging es nicht um die genaue Anzahl der verschiedenen Geschlechter, und ich verstehe den Hinweis auf Facebook nicht (weil ich Ironie selten verstehe). ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass man andernorts mit gender variance entspannt umgeht.

  8. keppla 19. Februar 2014 um 12:17 #

    Mein Eindruck ist aber auch, dass viele Menschen Probleme mit sexueller Varianz haben, und nicht nur mir den sprachl. Anforderungen, die sich daraus ergeben.

    Diesen Arschlöchern möchte ich mich auch explizit NICHT anschliessen. Nur, Erfahrungsgemäß wird da nicht sonderlich scharf unterschieden, und man wird bei jedweder skeptischen Meinung direkt zu den Arschlöchern gezählt, weil soooo weit geht der geforderte Respekt dann auch nicht, dass man verstehen muss, was das Argument ist, bevor man ihn als Sexist und Faschist beschimpft.

  9. keppla 20. Februar 2014 um 16:21 #

    @Atacama

    Wieso Sprachreifen? In der Interaktion mit einer Person, redet man ja in der Regel “mit” ihr, also mit “Sie” oder “du” und nicht mit oder über ihr/em Gender. Und wenn man nicht sicher ist, kann man so eine Person ja ganz einfach fragen, ob sie mit “Frau x” oder “Herr x” oder mit etwas anderem angeredet werden will.

    Du bist also der Meinung, ein Feld „Anrede“ mit „Männlich/Weiblich“ hätte gereicht – Exakt so wie es vorher war. Warum hast du Angst vor Schwulen?.

    Etwas ernsthafter: eben deshalb meine ich: Sprachreifen zum Durchhüpfen.

    Es erfüllt keinen praktischen Zweck, außer halt, dass ein paar Berufsbetroffene bei nichtbefolgen laut #aufkreischen kann.

  10. keppla 25. Februar 2014 um 14:34 #

    Mal nachgehakt: wie vorhergesagt gibt es schon die ersten Kritiken daran, dass Facebook ja nicht gut genug durch den Reifen gesprungen ist, wo man ihn doch so schön hingehalten hat:

    https://netzpolitik.org/2014/interview-die-neuen-genderoptionen-auf-facebook/

    Und auch wenn ich dem Interviewten in einem Punkt zustimme, nämlich dass man oft einfach nur den Namen nutzen kann (mach ich bei meiner Software so) anstatt sich um’s Geschlecht zu kümmern, ist das ergebnis – selbstverständlich – die übliche Lächerlichkeit: 50 reicht nicht, es müssten schon 7 Milliardren sein.

    • Damien 26. Februar 2014 um 08:12 #

      @keppla:

      das ergebnis – selbstverständlich – die übliche Lächerlichkeit: 50 reicht nicht, es müssten schon 7 Milliardren sein

      Wenn Du das Zitat korrekt wiedergibst, klingt es viel weniger lächerlich:

      Die Zahl existierender Geschlechter festlegen zu wollen, ist immer willkürlich. Persönlich tippe ich auf gut 7 Milliarden, mit steigender Tendenz.

      Es geht also gar nicht darum, eine Zahl festzulegen, die dann den einen zu hoch, den anderen zu niedrig ist, sondern es geht darum, sich die Zahl zu sparen und die Freiheit des Ausdrucks zu vergrößern. Warum also überhaupt ein Geschlecht abfragen bzw. eine begrenzte Anzahl vorgeben? Im Interview heißt es dementsprechend:

      Die naheliegendste Frage ist darum, warum die neue „custom“-Option nicht einfach ihrer Bezeichnung entsprechend ganz für User-eigene Einträge geöffnet wird.

      Das wäre respektvoll gegenüber denen, die sich jetzt nicht abgebildet fühlen. Und würde niemand etwas wegnehmen. Außer, wie gesagt, manchen Cis-Menschen ihre Exklusivität.

  11. Tine Peters 31. März 2014 um 13:41 #

    Ich verstehe es auch nicht, warum man gleich allen mitteilen muss was man ist und wie man zu definieren ist. Ich denke, dass die wahren Freunde das schon so mitbekommen und dass es nicht Hinz und Kunz wissen müssen ob ich nun homo oder hetero oder….etc etc…bin

  12. Atacama 31. März 2014 um 16:20 #

    @Tine

    @Tine

    „Müssen“ muss man Garnichts. Aber es ist doch schön, wenn einem die theoretische Möglichkeit gegeben wird.
    findest du es auch kritikwürdig, dass es vorher die Möglichkeit „Mann“ oder „Frau“ oder „hetero“ auszuwählen gegeben war? Weil das ja niemanden was angeht und die Freunde es ja auch so rausfinden können?

Trackbacks/Pingbacks

  1. Facebook, Gender, Angst? | Mein Senf - 19. Februar 2014

    […] AdrianGay West schreibt zum Thema Facebook Gender Entscheidung und die Reaktionen darauf. Er stellt die Frage, woher die Angst kommt, wo doch niemandem etwas weggenommen wird. Ich glaube, zunächst ist es nicht primär Angst, sondern Unverständnis und auch Unwissenheit. Mir ist es nicht wichtig, bei irgendeinem Fragebogen ein Kreuz bei “männlich” machen zu können. Das ist ein Thema, auf das ich keinerlei Gedankenkapazität verwendet habe. Aber es ist halt so, dass wenn es zur Auswahl steht, mein Geschlecht meist erwähnt wird (ausser bei der Grünen Jugend). Also maße ich mir nicht wirklich an, zu entscheiden, ob das wichtig oder verletzend sein könnte. Arne meint in den Kommentaren: […]

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