Moralische Schlechtigkeit

19 Mai

Etwa die Hälfte der Amerikaner hat nicht alle Tassen im Schrank. Genauer gesagt haben 47 Prozent aller Amerikaner nicht alle Tassen im Schrank. Was ist geschehen?

Am 10. Februar 2014 hat sich der American-Footballer Michael Sam als schwul geoutet. Das alleine war schon ein großer Schritt, ist American Football doch, ähnlich wie der Fußball, als  Hochburg eines heteronormativen Männlichkeitskultes bekannt. Anfang Mai wurde Sam schließlich für die amerikanische Profiliga National Football League (NFL) ausgewählt, und ist damit der erste offen homosexuell lebende Profi-Footballer der USA.

Es ist nachvollziehbar, dass Sam angesichts der Wahl in die NFL tief bewegt war. Es dürfte für einen US-Footballspieler kaum eine größere Ehre geben. Verständlich also, dass er seine Emotionen offen gezeigt hat. Und verständlich auch, dass er diese Emotionen mit seinem Freund geteilt hat.

Verständlich? Nicht für eben jene 47 Prozent von Amerikanern, die sich an eben jenen Kuss gestört haben, und diesen als „unangemessen“ betrachten. Es muss dabei nicht extra betont werden, dass der Kuss selbstredend deshalb als „unangemessen“ betrachtet wird, weil er zwischen zwei Männern stattfand. Würde man sich Sams Freund als Frau vorstellen, niemals hätte ein solch unaufdringlicher, und dennoch emotional tief bewegender Kuss (wie im Video unten zu sehen), auch nur einen Hauch an Anstoß erregt. Im Gegenteil.

Es ist schwer die Worte zu unterdrücken, die mir angesichts von Menschen in den Sinn kommen, die Zuneigung und Liebe als „unangemessen“ betrachten. Und es ist schwer, die eigene Traurigkeit, Wut und Resignation angesichts einer solche Gesellschaft im Zaum zu halten. Wie soll man sich als Schwuler in einer solchen Welt der Doppelmoral und Scheinheiligkeit, der toleranten Repression und moralischen Schlechtigkeit jemals akzeptiert und aufgehoben fühlen?

Der einzige Hoffnungsschimmer ist, dass 47 Prozent dann doch eine, wenn auch knappe, Minderheit darstellen. Es gibt also noch Hoffnung für die Menschheit. Hoffnung für uns alle.

 

 

 

23 Antworten to “Moralische Schlechtigkeit”

  1. derdiebuchstabenzaehlt 19. Mai 2014 um 07:29 #

    Was soll denn das sein, ein „heteronormativen Männlichkeitskultes“ ? Dieses Denken in Gendersuberlativen ist schon lustig und zack sind Meinugen die nicht gefallen wiedermal als dümmlich ind moralisch schlecht gelabelt.

  2. Cyrano 19. Mai 2014 um 09:20 #

    Und immer wieder grüßt die Doppelmoral. Man darf es also als moralisch falsch labeln (denn nichts anderes bedeutet unangemessen: moralisch unangemessen. Woran sonst sollte denn gemessen werden?) wenn ein Mann einen anderen in der Öffentlichkeit küsst. Man darf es aber nicht als moralisch falsch labeln, Küsse unter Männern falsch zu finden…

    Genau wie im Fall Firefox. Man darf sich gegen Schwulenrechte engagieren, aber sobald sich Menschen gegen jemanden engagieren, der sich gegen Schwulenrechte engagiert ist es wieder nicht o.k. Meinungsfreiheit gibt es entweder für alle oder für keinen.

  3. LoMi 19. Mai 2014 um 09:33 #

    Buchstabenzähler,

    Du schreibst am Kern des Problems vorbei: Ein Mann küsst einen Mann und das wird als „unangemessen“ beurteilt. Hätte er eine leicht bekleidete Bikini-Schönheit geküsst, wäre das alles als normal empfunden worden. DAS ist das Thema hier. Die Vokabel „heteronormativ“ spielt hier doch eine untergeordnete Rolle.

  4. pedro luis 19. Mai 2014 um 10:19 #

    Es ist sinnlos, das eigene Wohlbefinden von der allgemeinen Akzeptanz abhängig zu machen, die wird es so schnell nicht geben, wahrscheinlich nie. Es würde mir eher Magenschmerzen bereiten und mich mißtrauisch machen, wenn ich allgemein akzeptiert wäre. Allgemeine Ablehnung kann manchmal viel besser zeigen, dass man nicht alles falsch macht.

  5. Adrian 19. Mai 2014 um 10:46 #

    @ ddbz
    „Was soll denn das sein, ein “heteronormativen Männlichkeitskultes”

    Ein Kult um heterosexuelle Männlichkeit, in dem Heterosexualität als einzig legitime Form von Männlichkeit betrachtet wird.

    „und zack sind Meinugen die nicht gefallen wiedermal als dümmlich ind moralisch schlecht gelabelt.“

    Na und? Ich habe nun mal gewisse Prinzipien und beurteile Ansichten und Meinungen. Nur jemand ohne Meinung findet alle Meinungen gleich gut/oder schlecht.

    Und ja, einen harmlosen Kuss als „unangemessen“ zu bezeichnen, ist dümmlich und moralisch falsch.

  6. Christian - Alles Evolution 19. Mai 2014 um 10:54 #

    Ich denke, dass hier insbesondere die stärkere Religiösität eine Rolle spielt. Um so unreligiöser ein Land, um so günstiger dürfte es für Homosexuelle sein würde ich mal vermuten.
    (Wobei mir gerade beim Schreiben Russland einfällt, wie stark ist da eigentlich die Kirche?)

  7. Adrian 19. Mai 2014 um 10:55 #

    @ pedro luis
    „Es ist sinnlos, das eigene Wohlbefinden von der allgemeinen Akzeptanz abhängig zu machen“

    Nun ja, wir leben aber nun mal nicht in einer Filterblase, wo derartige Ansichten ohne Einfluss auf einen selbst bleiben. Das dürfte den wenigsten gelingen.

  8. Adrian 19. Mai 2014 um 11:13 #

    Was mir eben gerade noch auffällt: Gut möglich (und wahrscheinlich), dass sich unter den 47 Prozent der Amis auch einge Rassisten befinden, die sich möglicherweise weniger an dem Kuss gestört hätten, wenn Sams Freund ebenfalls schwarz wäre. Obwohl ich das nicht für den Hauptgrund halte. Wäre aber interessant, die Motive einmal eingehend zu untersuchen.

  9. pedro luis 19. Mai 2014 um 11:34 #

    „wo derartige Ansichten ohne Einfluss auf einen selbst bleiben. Das dürfte den wenigsten gelingen.“

    Dennoch: Beifall von der falschen Seite sollte nachdenklich machen.

    • Adrian 19. Mai 2014 um 11:35 #

      @ pedro luis
      Was wäre denn die „falsche Seite“?

  10. Neuer Peter 19. Mai 2014 um 15:03 #

    „Hochburg eines heteronormativen Männlichkeitskultes“

    Nichts für ungut, aber muss das sein? Das ist genau so abwertend und unzutreffend wie das konservative Gequatsche von der „verordneten Verschwulung“.

  11. pedro luis 19. Mai 2014 um 17:23 #

    Das muß jeder für sich entscheiden. Für mich verlaufen die Grenzen keineswegs ausschließlich entlang der Akzeptanz von Homosexualität.

  12. Adrian 19. Mai 2014 um 23:24 #

    @ NP
    „Nichts für ungut, aber muss das sein?“

    Vielleicht nicht, aber ich halte es für angemessen.

    „Das ist genau so abwertend und unzutreffend wie das konservative Gequatsche von der “verordneten Verschwulung”.“

    Inwiefern?

  13. derdiebuchstabenzaehlt 20. Mai 2014 um 02:42 #

    @ NP

    Der Adrian muss es mal wieder überteiben. Er wollte sich mit der Hochburg einen Spaß erlauben … so hoffe ich!

    @ Adrian

    „Inwiefern?“

    Weil es ebenso übertrieben ist! Dummes Zeug, nur in der Gegenrichtung!

  14. Martin 20. Mai 2014 um 10:02 #

    Aufgrund der Äußerung einer letztlich sehr vagen und milden Bewertung -wie falsch die auch sein mag- wie „unangemessen“ sogleich kategorisch „moralische Schlechtigkeit“ zu konstatieren, ist genau das: moralisch schlecht. Und hysterisches Weltuntergangsgetue.

    • Adrian 20. Mai 2014 um 10:31 #

      @ Martin
      Wie würdest Du die Reaktionen denn beurteilen und werten?

  15. Adrian 20. Mai 2014 um 10:31 #

    @ ddbz
    „Weil es ebenso übertrieben ist! Dummes Zeug, nur in der Gegenrichtung!“

    Inwiefern ist es übertrieben und dummes Zeug?

  16. Neuer Peter 20. Mai 2014 um 10:39 #

    Ok, dann hole ich etwas weiter aus. Außerdem versuche ich es mal über die persönliche und nicht über die theoretische Schiene.

    Ich bin ein Freund traditioneller Männlichkeit. Mir gefallen die Männlichkeitsrituale, wie man sie heutzutage leider nur noch im Sport oder vielleicht noch bei der freiwilligen Feuerwehr findet. Ich fühle mich in diesem Umfeld wohl, weil diese Art der Kommunikation (und nichts anderes ist es), ein Gefühl der Kameradschaft und Zugehörigkeit erzeugt. Ich bin es leid, dass diese Art, Männlichkeit auszuleben, zunehmend in Verruf gerät und als archaisch, gewalttätig, misogyn und schwulenfeindlich diffamiert wird. Ich bin es leid, dass gerade von linker Seite ständig zum Sturm auf diese „letzten Hochburgen des Patriarchats“ aufgerufen wird. Im Übrigen ist die Kriegsrhetorik in diesem Zusammenhang auch höchstinteressant, aber das führt zu weit vom Thema weg.

    In gewisser Weise haben wir es hier auch mit den letzten männlichen „safe spaces“ zu tun, die gewissen Kreisen ein Dorn im Auge zu sein scheinen. Beim Profisport liegt die Sache noch einmal etwas anderes, weil wir es hier gewissermaßen mit einem beruflichen Umfeld zu tun haben.

    Klassische Männlichkeitsrituale sind im Übrigen alles andere als roh und können bisweilen sogar sehr zärtlich sein. Der Klaps auf den Po im Fußball ist da das Paradebeispiel.

    • Adrian 20. Mai 2014 um 10:49 #

      @ Neuer Peter
      Und wie kommst Du darauf, ich hätte zur Abschaffung klassischer Männlichkeitsrituale aufgerufen?

  17. Neuer Peter 20. Mai 2014 um 12:55 #

    @ Adrian

    Du hast dich der selben Kampfbegriffe bedient wie Leute, die das tun, und abwertend von einem „Männlichkeitskult“ gesprochen.

    Ich projeziere dabei natürlich auch. Wir haben alle so unsere Reizwörter, auf die wir allergisch reagieren.

  18. LoMi 20. Mai 2014 um 13:40 #

    Neuer Peter,

    ich stimme Dir durchaus zu. Nichts gegen klassische Männerrituale. Ich glaube, das von Adrian ausgemachte Problem ist ein anderes: Im Profisport wird kein Ritual gepflegt, es wird ein Ideal verkörpert, das nicht angetastet werden darf. In diesem Fall treffen sich klassische Männerrollen mit einer Ablehnung alles Anderen. Aber das ist ja nicht zwingend. Und es ist beileibe kein Widerspruch zwischen klassischem Männerritual und Schwulsein. Schwule sind Männer und als solche sind sie – nach meiner durchaus reichhaltigen Erfahrung – oft auch recht „gewöhnlich“, sogar konservativ. Es gibt keinen Automatismus, dass Schwule irgendwie links sein müssen oder bewegt oder dergleichen. Ich habe Schwule kennengelernt, die als Berufssoldaten gearbeitet haben und diesbezüglich enorm traditionelle Männer waren.

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