Gott liebt Homos (oder auch nicht)

3 Jul

Matthew Vines hat es sich zur Aufgabe gemacht, Homosexualität und Christentum miteinander in Einklang zu bringen. Aus christlicher bzw. religiöser Sicht habe ich diesen Ansatz bereits in der Vergangengheit als „fruchtbarer“ bezeichnet als meinen eher „atheistischen Ansatz“, der die Bibel im Hinblick auf moralische Fragen als irrelevant abtut,

weil Moral unabhängig von der Bibel existiert. Ob eine Handlung moralisch ist, sollte man nicht an einem Schriftstück festmachen, sondern an der konkreten Situation der in einer Handlung involvierten Menschen.

Auch heute noch halte ich Vines Ansatz für besser, zumindest im Hinblick auf religiöse Kreise

ganz einfach, weil der atheistische Ansatz den Menschen, die er [Vines] ansprechen will, zu abstrakt ist, weil für sie Moral ohne Bibel – oder wie sie sagen würden: ohne Gott – gar nicht vorstellbar ist.

Was hätte ich im Gegenzug religiösen Menschen anzubieten? Letztendlich könnte ich lediglich postulieren, dass

a) Gott eh nicht existiert, was, zumindest kurzfristig, niemanden überzeugen würde, der an Gott glaubt.

b) es irrelvant ist, was Gott will oder nicht will; dass man Gott an seiner Moral messen und ihn auf der Grundlager seiner Moral beurteilen sollte. Dieser Ansatz wäre aber letztendlich Blasphemie, eine Auflehnung gegen Gott und demnach als Diskursstrategie unter gläubigen Menschen ebenfalls recht kontraproduktiv.

Da ich nun aber nicht gläubig bin, darf ich es mir erlauben, Vines‘ Ansatz ein wenig zu kritisieren und nach meinen eigenen Maßstäben zu beurteilen, ungeachtet dessen, dass ich ihm auf seiner Mission viel Erfog wünsche:

In einem YouTube-Video, das auf sein Projekt aufmerksam machen soll, hat Vines sich vor allem mit sechs Bibelzitaten auseinandergesetzt, die angeblich belegen, dass Homosexualität von Gott verurteilt wird und zeigt, dass die Worte gar nicht so eindeutig sind, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Es ist also der Ansatz zu zeigen, dass Gott eigentlich nichts gegen homosexuelle Menschen bzw. Homosexualität an sich hat, weil entsprechende Bibelstellen dies nicht beleegn würden.

Das wohl bekannteste stammt aus dem dritten Buch Mose (auch Leviticus genannt), Kapitel 19 und lautet:

“Du sollst nicht beim Knaben liegen wie beim Weibe; denn es ist ein Gräuel.”

Das wirkt auf den ersten Blick eindeutig und unangreifbar. Doch Vines zeigt, dass das Wort “Gräuel” nicht nur an dieser Stelle in der Bibel auftaucht.

Als “Gräuel” wird im alten Testament auch der Verzehr von Krustentieren, Schweine- und Kaninchenfleisch bezeichnet. Ein “Gräuel” ist es laut der Bibel auch, mit einer Frau zu schlafen, die ihre Periode hat. Und das Interesse an finanziellen Darlehen wird ebenfalls als solches bezeichnet.

Levitikus gehört zu meinen Lieblingsbüchern in der Bibel. Selten in der Geschichte der Menschheit gab es eine derart abstruse, obszöne und perverse Aufzählung von Dingen, die den Menschen verboten und erlaubt sein sollten. Es ist für mich schlicht nicht fassbar, das es im 21. Jahrhundert immer noch Menschen gibt, die auf der Basis von Levitikus argumentieren, ohne vor Scham in den Boden zu versinken oder ausgelacht zu werden.

Levitikus alleine würde ausreichen, um Gott als moralische Instanz ein für allemal in Frage zu stellen. Wenn man daran glaubt, dass Gott diese Regeln tatsächlich ernst meint, dann gehört er nicht angebetet, sondern bekämpft, lächerlich gemacht und in Schimpf und Schande davongejagt.

Selbstverfreilich hält sich kein Mensch an die Regeln in Levitikus, auch fundamentalistische Christen nicht. Das Verbot und die Sündhaftigkeit homosexueller Handlungen, das ist zumeist das einzigste, was auf dieser Basis begründet wird. Um alle anderen Regeln schert sich auch der „bibeltreueste“ Christ nicht. Es gibt keine Christen, die den Verzehr von Schweinefleisch  verdammen, es gibt keine kirchlichen Gemeinden, die sich ob der Frage spalten, ob man Gemeindemitgliedern den Verzehr von Meeresfrüchten erlauben sollte. „Gottes Regeln“ interessieren in dieser Hinsicht keinen Christen – zu Recht – nur beim Thema Homosexualität wird eine Ausnahme gemacht. Schweinefleisch schmeckt eben saugut, Homosexualität aber ist nicht jedermanns Geschmack. Und was liegt näher, als das zu verdammen, was einem persönlich nicht gefällt?

Vines‘ Argumentation ist insofern tauglich, die Abstrusität bestimmter Bibelstellen offen zu legen. Um ein Problem kommt er dennoch nicht herum: Es steht nun mal da, dass männlicher homosexueller Verkehr mit dem Tode bestraft werden soll (Levitikus 20,13). Die obig zitierte Bibelstelle spricht zwar von „Knaben“,  je nach Übersetzung wird dies aber auf Männer im Allgemeinen ausgedehnt (in meiner Bibel steht etwa „Du sollst nicht beim Manne liegen wie beim Weibe; denn das ist ein Gräuel.“)

Ich möchte mich jetzt nicht in eine Diskussion verstricken, ob Levitikus möglicherweise nur den homosexuellen Verkehr mit Minderjährigen als „Gräuel“ bezeichnet, es bleibt dabei: Wenn ein Gläubiger konsistent argumentieren will, kann er dem Schweinefleisch, den Shrimps, der Kleidung aus mehreren Geweben, der Sonntagsarbeit, menstruierenden Frauen etc. pp.  entsagen und dennoch mit reinem biblischen Herzen Homosexualität verdammen. Zumindest die männliche. Lesbianismus ist nämlich nirgendwo ein Gräuel. Was es umso offensichtlicher macht, dass Levitikus von einem heterosexuellen Mann verfasst wurde, der es ganz bestimmt erregend fand, ein paar Frauen beim rummachen zuzuschauen. Und weil er es erregend fand, wurde lesbischer Sex nicht auf die Liste verbotener Dinge gesetzt. Wie passend.

Das alte Testament erzählt auch die Geschichte von Sodom und Gomorrah. Gott schickt demnach zwei Engel in Erscheinung von Männern in die Stadt Sodom, wo die männlichen Bewohner der Stadt sich sexuell an ihnen vergehen wollen. Gott lässt Sodoms Männer erblinden und zerstört die Städte Sodom und Gomorrah indem er Feuer und Schwefel auf sie herabregnen lässt.

“Jahrhundertelang wurde diese Bibelpassage als Gottes Urteil über gleichgeschlechtliche Beziehungen interpretiert”, sagt Vines. “Doch die einzige beschriebene Form von gleichgeschlechtlichem Sex ist eine abscheuliche Massenvergewaltigung.”

Auch die Geschichte von Sodom und Gomorrah steht beispielhaft dafür, wie Bibelstellen aus dem Kontext gerissen werden um bestimmte Vorurteile zu bedienen. Und sie belegt abermals, dass „bibliche Moral“ nichts taugt. Zur Erinnerung: Die Hauptfigur in dieser Geschichte, Lot, gilt als die moralische Instanz. Was aber tut er, als die Männer der Stadt die Herausgabe der Engel zur Vergewaltigung fordern? Genau: er bietet ihnen statt dessen seine jungfräulichen Töchter an. Absolut nachvollziehbar, denn wenn es überhaupt statthaft ist jemanden zu vergewaltigen, dann Frauen. Das sollte doch wirklich nun jeder begreifen können, oder?

Glücklicherweise kommen Lots Töchter um dieses grausige Schicksal herum und Lot nebst Familie wird es erlaubt zu fliehen. Nachdem der allmächtige und allwissenden Gott beide Städte zerstört und deren Einwohner – einschließlich der unschuldigen Frauen, Kinder und Säuglinge – vernichtet hat, zeigt er ein weiteres Beispiel seiner moralischen Integrität, indem er Lots Frau zur Salzsäule erstarren lässt, weil sie das Vergehen begangen hat, einen Blick zurück auf die brennenden Städte zu werfen. Später haben Lots Töchter übrigens noch Sex mit ihrem Vater.

Es ist mehr als verwunderlich, wie man aus der Geschichte von Sodom und Gomorrah eine Verurteilung von Homosexualität herauslesen kann. Ich persönlich weiß überhaupt nicht, was ich aus der Geschichte herauslesen soll, außer, dass die Männer von Sodom und Gomorrah einen guten Porno hätten vertragen können, dass Lot pervers und Gott ein Psychopath ist. Wieso wird die versuchte Vergewaltigung von Engeln überhaupt als Verdammung von Homosexuelität interpretiert? Sind Engel männlich? Haben Engel ein Geschlecht? Und was hat Vergewaltigung überhaupt mit einvernehmlicher Sexualität zu tun?

Ohnehin handelt es sich bei diesen Texten um Passagen aus dem Alten Testament, das laut Römer 10:4 durch das Neue Testament abgelöst wurde und daher auch in Vines‘ Argumentation keine Gültigkeit mehr besitzt: “Mit dem Worte neuer Bund hat er den ersten für veraltet erklärt; was aber verjährt, das geht dem Verschwinden entgegen.”

Dazu kann ich nichst sagen, wenn dem so sein sollte, können wir uns aber frohen Mutes auf das Neue Testament konzentrieren:

“Darum haben sie auch Gott dahingegeben in schändliche Lüste“, wird der Apostel Paulus dort zitiert. „Denn ihre Weiber haben verwandelt den natürlichen Brauch in den unnatürlichen; desgleichen auch die Männer haben verlassen den natürlichen Brauch des Weibes und sich aneinander erhitzt in ihren Lüsten und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihres Irrtums (wie es denn sein sollte) an sich selbst empfangen.” (Römer, Kapitel 1: 26-27)

Sicherlich können mich gläubige Menschen hierbei aufklären, aber es gibt eines, was ich an der Apostelgeschichten schon im Grundsatz nicht verstehe: Paulus ist doch weder Gott, noch Jesus, sondern ein ganz normaler Mensch, der, laut Wikipedia, nicht mal Jesus gekannt hat. Wieso ist es dann überhaupt relevant, was der erzählt? Klar, er hat das Recht seine subjektive Meinung zu diesen und jenem zum Besten zu geben, aber er ist doch eben nur ein Mensch. Wieso ist dessen Meinung über „schändliche Lüste“ relevanter als meine? Gott würde ich ja vielleicht noch ernst nehmen (immerhin kann er mich vernichten) aber Paulus?

“Ja, Paulus hat keine positive Einstellung gegenüber gleichgeschlechtlichen Beziehungen”, sagt Vines. “Aber der Kontext, den er beschreibt, ist weit von Homosexuellen in festen, monogamen Beziehungen entfernt. Paulus kritisiert hier lustvolle Handlungen. Aber er schreibt nichts über Liebe, Hingabe und Treue.”

Darf ich das so verstehen, dass lustvolle Handlungen kritikwürdig sind? Es wäre also nach Paulus nicht statthaft, mit einem Mann einfach so Sex zu haben, weil wir beide das so wollen? Wieso ist das schlecht? Paulus? Mr. Vines? Können Sie mir das erklären?

Im Übrigen schreibt Paulus auch nichts über Liebe, Hingabe und Treue zwischen Mann und Frau. Und, noch wichtiger, er kritisiert hier explizit nicht lustvolle Handlungen zwischen Mann und Frau. Paulus war eben nichts weiter als ein homophober Sack, vermutlich oversexed and underfucked, dem es Spaß gemacht hat, durch die Lande zu reisen und in anderer Leute Schlafzimmer zu schnüffeln. Und noch mal: Er ist nicht mal Gott! Gut, ich würde auch Gott sagen, er solle sich um seinen eigenen Kram und um sein eigens Leben kümmern, aber ich bin bereit anzuerkennen, dass Gott größere Autorität hat und mehr weiß. Zumindest mehr als Paulus.

Die letzten zwei Bibelstellen, die Vines zitiert, beschäftigen sich mit der Frage, wer aufgrund seiner Handlungen nicht in den Himmel darf. Sowohl 1. Korinther 6:9 als auch 1. Timotheus 1:10 beinhalten Listen darüber, welche Taten und Eigenschaften die Menschen für das Himmlische Reich disqualifizieren. Dazu zählen insbesondere die griechischen Wörter “malakoi” und “arsenokoitai”.

Das Wort “malakos” wird häufig als “der männliche Homosexuelle” übersetzt, obwohl es nicht eindeutig diese Bedeutung hat. Eine denkbare Übersetzung wäre auch “Weichling” – so steht es zum Beispiel in der deutschen Übersetzung (Luther 1912).

Das Wort “arsenokoitai” ist in vielen Fassungen der Bibel als “homosexuell” oder “homosexuelle Perversion” übersetz worden. Doch als Paulus die Passage angeblich schrieb, existierte das Wort noch gar nicht. Homosexualität wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts als Begriff geprägt.

Schon wieder Paulus! Ist der eigentlich überall? Kann ich zur Abwechslung mal von Jesus etwas zur Homosexualität hören oder lesen? Ist das nicht derjenige, der prägend für das Christentum ist?

Wie dem auch sei, was will uns Vines mit dieser letzten Argumentation sagen? Dass „Weichlinge“ nicht in den Himmel kommen? Dass das okay wäre, weil Gott das halt so will? Wieso dürfen „Weichlinge “ nicht in den Himmel kommen? Können nicht auch „Weichlinge“ gute Menschen sein?

Nein, Vines, will uns sagen, dass die Bibel unterschiedlich interpretiert werden kann. Dass man auf der Grundlage der Bibel nicht eindeutig Homosexualität verdammen kann. Das ist ein guter, ein lobenswerter Ansatz. Der lediglich ein Problem hat: Man kann auf Grundlage der Bibel eben doch Homosexualität verdammen. Wenn man denn will. Und es gibt genühgend Menschen die das wollen. Genügend Menshen, die ihre Vorurteile, ihre Abneigung und Ihren Hass mit Gott und der Bibel begründen.

Warum aber überhaupt die Bibel bemühen? Warum nicht eigene moralische Standpunkte definieren? Warum etwas verdammen, was Menschen im gegenseitigen Einvernehmen miteinander tun? Warum Menschen verdammen, die Sex haben? Warum Lust verdammen? Warum Liebe verdammen?

Menschen leben miteinander zusammen, in einer Gesellschaft. Moral und Ethik muss innerhalb von Menschen ausgehandelt werden. Homosexualität ist ein moralisches Neutrum. Sie ist per se weder gut noch schlecht. Homosexualität aber macht einige Menshen glücklich. Sie gibt diesen Menschen Zugang zur einzig ihnen stimmigen Form von Liebe und Sexualität.

Dies zu kritisieren, das ist die eigentliche Perversion. Und wenn Religionen dies weiterhin und fortgesetzt tun, beweisen sie lediglich, dass sie von Moral und Ethik keinerlei Ahnung haben.

 

 

 

 

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