Was ist Transphobie? (2)

1 Aug

Alice Schwarzer liebt Gleichmacherei. Ob es um die Entmündigung von Sexarbeiterinnen geht, deren Gewerbe sie mit Sklaverei gleichsetzt oder ihre Solidaritätserklärung für Putin, in der sie die US-Army nicht so richtig von der Wehrmacht unterscheiden kann. Ihr neuester Streich ist eine Kriegserklärung an selbstbewusste transidente Menschen, die sich für ihren Weg keine Erlaubnis bei Frau Schwarzer persönlich abgeholt haben. Auf die Frage einer Erzieherin, wie sie einen Trans-Jungen unterstützen kann, weiß Schwarzer zu berichten,

in den vergangenen 20 Jahren ist in diesem Bereich sehr viel passiert. Menschen, die sich „in der falschen Haut“ fühlen und das Geschlecht wechseln wollen, können das heutzutage tun. Bis 2011 war dazu allerdings noch die Änderung des biologischen Geschlechts Voraussetzung. Das heißt, biologische Männer bzw. Frauen mussten sich zum anderen Geschlecht umoperieren lassen. Das ist zum Glück heute nicht mehr nötig.
Das Verfassungsgericht sprach am 11. Januar 2011 ein bahnbrechendes Urteil: Es genüg, wenn die Person „seit mindestens drei Jahren unter dem Zwang steht, ihren Vorstellungen entsprechend zu leben“. Laut VerfassungsrichterInnen reicht es also, dass der Mensch nicht physisch, sondern lediglich psychisch die Geschlechterrolle wechselt.

Ich finde das entscheidend: Die Wahl zu haben, dass ich als geborenes Mädchen auch wie ein Junge leben kann – und wenn ich das unbedingt will sogar bis hin zur Änderung meines Personenstandes – ohne

Achtung, jetzt kommt es

meinen Körper abzulehnen oder gar zu verstümmeln.

Ist es eigentlich Zufall, dass Schwarzer immer wieder ebenso biologistisch argumentiert wie christliche oder maskulistische Fundamentalisten? Wieso wird die Selbstdefinition von transidenten Menschen konsequent ignoriert bzw. abgelehnt?

Es ist ja auch kein körperlicher Konflikt, sondern ein seelischer. Nicht der Körper ist „falsch“, sondern die Rolle, die bis heute in unserer Gesellschaft Frauen bzw. Männern zugewiesen wird.

Ist Alice Schwarzer der Unterschied zwischen Geschlechtsidentität und Geschlechtsrolle tatsächlich unbekannt?

Ideal wäre, wenn das fragliche Mädchen sich den Ausbruch aus der Rolle auch ohne Änderung des Personenstandes zugestehen würde.

Ist es wirklich so schwierig, die Selbstdefinition der betroffenen Person zu respektieren und sie nicht als „Mädchen“ zu definieren? Wie wäre es, der betroffenen Person Selbstbestimmung zuzugestehen und nicht über ihren Kopf hinweg zu definieren, was für sie das Beste ist?

Sollte jedoch der Leidensdruck bei diesem Mädchen so groß sein, dass sie unbedingt auch auf dem Papier ihr Geschlecht wechseln will, dann könnte sie es tun.

Um noch einmal ganz von vorne anzufangen: Mit einem Wechsel des Geschlechts hat das alles nichts zu tun. Es geht um eine Angleichung des körperlichen Geschlechts an das empfundene Geschlecht.

Ich würde allerdings erst nach reiflicher Überlegung handeln, mir dafür Zeit lassen und erst einfach als „Junge“ leben. Das muss sie dann natürlich auch in ihrer Umwelt durchsetzen. Das wird Konflikte bergen.

Spätestens wenn sie Erzieherinnen ausgesetzt ist, die von Alice Schwarzer sozialisiert sind…

Auf jeden Fall rate ich ganz dringend von der Einnahme von Hormonen oder gar operativen Eingriffen ab! Sie soll sich nicht vom Schubladendenken einengen lassen, sondern sich einfach die Freiheit nehmen, zu leben, wie sie möchte.

Außer es kollidiert mit den Vorstellungen von Alice Schwarzer, dann möge sie sich bitte ihre Freiheit verkneifen, um in eine der Schubladen von Schwarzer zu passen. Weshalb diese ihren Brief mit den Worten beendet:

Mit herzlichen Grüßen, auch an die Garçonne!

die ihr von Schwarzer zugewiesenes Geschlecht gefälligst behalten und mehr als ihre Rolle nicht sprengen soll. So steht es schließlich schon in der Bibel des Feminismus Schwarzerscher Prägung.

10 Antworten to “Was ist Transphobie? (2)”

  1. Christian - Alles Evolution 1. August 2014 um 14:01 #

    „Ist es eigentlich Zufall, dass Schwarzer immer wieder ebenso biologistisch argumentiert wie christliche oder maskulistische Fundamentalisten? “

    Macht sie das hier? Sie sagt ja eigentlich, dass man einfach so leben soll, wie man will, der Körper sei egal. Das ist ja klassischer Gleichheitsfeminismus: „Dein Körper definiert dich nicht, schüttle diese Vorstellung ab, dass es ein richtiges Verhalten nach Geschlecht gibt. Du brauchst dich nicht umoperieren, um dich so zu verhalten, mach es einfach“. Eine Geschlechtsidentität kann es in diesem Zusammenhang ja auch nur sozial begründet geben und damit kann man auch darüber hinwegkommen.

    Ich finde ihre Haltung insofern gänzlich unbiologisch. Sie wettert dagegen, dass man verkennt, dass Geschlecht insgesamt nur eine Konstruktion ist und hätte es lieber, wenn Transsexuelle sich sozusagen im Dienste der Sache eher einfach „rollenbrecherisch“ verhalten, sozusagen „dekonstruieren“.

    • Damien 1. August 2014 um 14:18 #

      Sie sagt nicht, der Körper sei egal. Im Gegenteil, er soll möglichst nicht verändert werden. Sie respektiert die Definition des 16jährigen als Junge nicht, sondern benennt ihn noch in ihrem Gruß am Ende als weiblich. Das heißt, sie will ihn mit Worten auf seinen biologischen Körper beschränken, den er nicht verändern soll. Transsexuelle sollen also ihre Transsexualität verleugnen, um ihren Körper nicht zu „verraten“. Wenn das nicht biologistisch ist…

  2. Atacama 1. August 2014 um 17:26 #

    „Es ist ja auch kein körperlicher Konflikt, sondern ein seelischer. Nicht der Körper ist „falsch“, sondern die Rolle, die bis heute in unserer Gesellschaft Frauen bzw. Männern zugewiesen wird.“

    Doch, oft ist auch der Körper das Problem und zwar ein gravierendes.
    Ich habe bisher erst eine Transperson kennengelernt, also null repräsentativ, die kein Problem/Ablehnung mit dem „Geburtskörper“ hatte, aber auch die hat die OP gemacht.

    ich denke aber, dass das in den meisten Fällen so ist.
    kann man doch auch nachvollziehen. wenn man bedenkt, wie unterschiedlich Männer und Frauen optisch sind, ist es doch nicht weit hergeholt, dass viele mit einem so konträr zu den eigenen Empfindungen ausgestatteten Körper sich schwer tun.

    Wenn ein mann sich als fRau fühlt und einen Arnie Schwarzeneggerkörper und Brusthaar, da kann Schwarzer tausendmal sagen, dass man sich da ja trotzdem voll als Frau fühlen kann und dass das ja eh nur wegen der Rolle ist. Ich denke, als Betroffener sieht man das anders.
    Umgekehrt genauso.

  3. Nachtschattengewächs 1. August 2014 um 23:39 #

    Die Schwarzer ist Radikalfeministin. So weit ich weiss, gibt es bei denen keine angeborene Geschlechtsidentität. Es gibt zwei Sex-Klassen, männlich und weiblich, denen du bei der Geburt zugeordnet wirst ,und darauf aufgebaut Gender als soziales, hierarchisches Konstrukt.

    Im englischen Sprachraum gibt es da die TERF (trans-exclusionary radical feminists) , die auch konsequent dazu tendieren FzM als Frauen die ihren Status verbessern wollen, und MzF entweder als Adaptionsstrategie femininer Schwule oder Fetischisierung von Weiblichkeit zu interpretieren. Je nachdem ob die Transfrau auf Männer oder Frauen steht.

  4. Irene (@irene_muc) 2. August 2014 um 14:12 #

    Ist es eigentlich Zufall, dass Schwarzer immer wieder ebenso biologistisch argumentiert wie christliche oder maskulistische Fundamentalisten? Wieso wird die Selbstdefinition von transidenten Menschen konsequent ignoriert bzw. abgelehnt?

    und

    Auf jeden Fall rate ich ganz dringend von der Einnahme von Hormonen oder gar operativen Eingriffen ab!

    Mich erinnert das an eine ganz andere Geschichte, die nichts mit Trans-Themen, aber auch mit Operationen zu tun hat: Schwarzers verständnislose Reaktion auf die Brustoperationen von Angelina Jolie (wegen des sog. Brustkrebs-Gens, das einen kaputten Reparaturmechanismus und deshalb ein stark erhöhtes Brustkrebs-Risiko mit sich bringt).

    Da hatte es Schwarzer mit der Psyche, man müsse mehr über die angeblichen psychischen Ursachen von Brustkrebs reden. Das ist aber eher biologische Ignoranz als Biologismus. Der Biologismus liegt darin, dass der Mensch demnach so bleiben muss, wie Gott oder die Natur ihn geschaffen hat.

  5. Ralf 3. August 2014 um 11:10 #

    Das alte Problem der Frau Schwarzer, sobald sie den sicheren Boden des Feminismus verlässt: von nichts Ahnung, aber zu allem eine Meinung. Reflektieren und argumentieren kann sie immer nur vom feministischen Standpunkt aus, auch und gerade dann, wenn das völlig unangebracht, weil am Thema vorbeigedacht ist.

  6. Peter 3. August 2014 um 16:02 #

    Ist Alice Schwarzer der Unterschied zwischen Geschlechtsidentität und Geschlechtsrolle tatsächlich unbekannt?

    Für A.S bedeutet der Wunsch, den Körper an die Geschlechtsidentität anzupassen, die gesellschaftlich zugewiesene Geschlechtsrolle, die sich anhand des (männlichen oder weiblichen) Körpers festmachen lässt, zu akzeptieren. Für sie ein absolutes No-Go, eine Kapitulation vor den gesellschaftlichen geschlechtsspezifischen Erwartungshaltungen sozusagen.
    Was sie völlig ausser acht lässt, ist, dass Menschen nun mal primär zwischen Männern und Frauen anhand des Körpers unterscheiden, ob das nun gefällt oder nicht.

    @ Damien
    Für biologistisch halte ich ihre Argumentation allerdings nicht, denn sie hält den Körper für unwesentlich. Die operative Anpassung des Körpers an die Geschlechtsidentität ist für sie gleichbedeutend mit dem Eingeständnis, dass der Körper wesentlich ist, d.h geschlechtsidentitätsstiftend.

  7. Nachtschattengewächs 4. August 2014 um 00:40 #

    Von einer radikal-feministischen Perspektive macht sie durchaus Sinn. Wenn es keine angeborene Geschlechtsidentität gibt, und wenn Gender nur ein soziales Konstrukt zur Stützung einer Hierarchie ist, dann definiert sich die Zugehörigkeit zu den weiblichen Personen tatsächlich biologisch, nämlich abhängig davon, ob man der Typ ist die typischerweise Babies austragen kann. Die Zugehörigkeit zu Mann/Frau definiert sich durch die Sozialisierung, und informiert die späteren Einstellungen zum eigenen und anderen Geschlecht. Deshalb profitiert eine Transfrau auch, bis sie als Frau wahrgenommen wird vom berüchtigten männlichen Privileg und verinnerlicht die männliche Unterdrückerrolle, während ein Transmann die weibliche Unterdrücktenrolle verinnerlicht, und wahrscheinlich dagegen rebelliert.

    Also bleiben, für sie, ein Transman eine Frau und eine Transfrau ein Mann, unabhängig von der Personenstandsänderung. Dementsprechend spricht sie auch konsequent von einem Mädchen.

    Und da die Idee war das Konstrukt Gender, und die damit verbundenen Herrschaftsstrukturen aufzulösen, ist ein Ausbrechen aus den, oder Verwischen der Geschlechtsrollen, wie zum Beispiel sich als Mädchen zu verhalten und zu präsentieren wie es von Jungs erwartet wird, oder ein Kleid mit einem Vollbart zu kombinieren für sie wünschenswert, während die Selbstzuordnung als Mann oder Frau, abhängig davon wie man sich gerne darstellt und verhält, dieselben verstärkt. Deshalb wäre es ihr lieber die Leute würden das nicht machen.

    Und schliesslich, wenn es keine männlichen oder weiblichen Ausprägungen des Gehirns gibt, die einen informieren wie der eigene Körper zu sein hat, dann muß der Wunsch gesunde und funktionale Körperteile operativ zu entfernen oder umzugestalten, entweder Audruck von Selbsthass, einer Variante von BIID , oder ein Versuch sich an die herrschenden Normen anzupassen sein. Dann ist es wiederum nur konsequent entsprechende Operationen als Selbstverstümmelung zu interpretieren.

    Es ist ein bischen letztes Jahrhundert,

  8. Kim Schicklang 4. August 2014 um 18:45 #

    Wer von „empfundenen Geschlechtern“ spricht anstatt von „Geschlecht“ hat ja selbst ein Problem damit transsexuelle Menschen als echt anzuerkennen. Sorry, aber da würde ich mal ganz feste drüber nachdenken an Deiner Stelle.

    • Damien 5. August 2014 um 10:58 #

      @Kim: Kannst Du das bitte noch einmal genauer erklären?

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