Tanz ist Tanz – Oder nicht?

16 Nov

In Bremerhaven wurde ein lesbisches Paar für einen Tanzkurs abgelehnt. Die Begründung leuchtet mir dabei nicht so recht ein:

Der Vorsitzende des TC Capitol [Tanzschule], Axel Rahn, bestätigte gegenüber der „Nordsee-Zeitung“ den Ausschluss des lesbischen Paares, wies jedoch den Vorwurf der Diskriminierung und Homophobie zurück. „Es ist korrekt, dass wir zurzeit keinen gleichgeschlechtlichen Paartanzkursus anbieten“, sagte Rahn. Dies sei aber nichts Ungewöhnliches, denn derzeit gebe es etwa auch keine Tanzkurse für Singles oder jugendliche Paare. Generell werde beim Tanzen unterschieden in gleichgeschlechtliche Paare („Equality“) und „klassische“ Tanzpaare aus Mann und Frau, so Rahn. Und „Equality“ werde im TC Capitol nun mal nicht angeboten.

Nun bin ich wahrlich kein Experte für das Tanzen, aber wo ist der Unterschied zwischen dem Tanz eines gleichgeschlechtlichen und eines verschiedengeschlechtlichen Tanzpaares? Ist die Musik anders, der Rhythmus, die Schrittfolgen? Eine(r) führt, eine(r) wird geführt. Wozu braucht es die Unterscheidung zwischen „Equality“-Tanz und „klassischem“ Tanz?

Die Wikipedia versucht sich an einer Erklärung:

Alle Verbände definieren ein Paar als ein Team aus einem Mann und einer Frau und erlauben gleichgeschlechtlichen Paaren nicht die Teilnahme an Turnieren mit klassisch besetzten Paaren. Gründe dafür sind weniger mangelnde Akzeptanz von Homosexuellen, als mehr die schlechte Vergleichbarkeit der Leistung.

Versteh ich nicht. Wieso ist die Vergleichbarkeit schlechter? Was ist anders? Ist die Musik anders, der Rhythmus, die Schrittfolgen? Eine(r) führt, eine(r) wird geführt. Wo liegt die Schwierigkeit in der Vergleichbarkeit der Leistung?

Kann mir das mal einer erklären?

(Und nur so nebenbei: Wozu brachen eigentlich Singles und Jugendliche einen eigenen Tanzkurs? Was ist bei denen anders? Bedeutet Tanzkurse für Singles, dass diese alleine tanzen lernen?)

21 Antworten to “Tanz ist Tanz – Oder nicht?”

  1. derdiebuchstabenzaehlt 16. November 2014 um 03:49 #

    Bin auch kein Tanzfutzi, aber wenn Männer und Frauen unterschiedlich sind, könnte dies auch bei Leistungsvergleichen so sein?!

    Warum allerdings Leute abgelehnt werden, die das Tanzen lernen wollen verstehe ich auch nicht ganz … Wobei, wenn es ein Tanzkurs nur für Frauen, die armen Benachteiligten unserer modernen Gesellschaft, gewesen wäre, man also weiße heterosexuelle Männer oder Jungen abgeweisen würde, hätte es NICHT in der Zeitung gestanden. Zumindest würde kein Schlauberger mit Diskriminierung angelaufen kommen!🙂

  2. HansG 16. November 2014 um 06:28 #

    Meiner Ansicht nach haben jugendliche Tanzanfänger häufig größere Ängste sich vor anderen Teilnehmern zum Affen zu machen. Hier muss, trotz der freiwilligen Teilnahme, noch eine potentielle Furcht beachtet werden.

    Die Tanzkurse für Singles sind eigentlich ein Highlight. Nicht weil anders getanzt wird, sondern weil sie gleichzeitig eine Art Singlebörse sind.Man muss mit dem Tanzpartner zusammen arbeiten und kommt sich körperlich ein Stück näher. Die Schwierigkeit bei solchen Kursen ist der chronische Männermangel. Einer meiner Bekannten besucht seit Jahren Single-Tanzkurse um Frauen kennen zu lernen. Den Frauen gegenüber nennt er das persönlichen Auffrischungskurs.

    Wenn aus Wettkämpfen gleichgeschlechtliche Paare ausgeschlossen werden mag das ärgerlich sein. Aber ich finde die Entscheidung nachvollziehbar. Die Anforderungen an die Technik sind identisch. Allerdings spielt auch die Ästhetik eine Rolle. Und unabhängig von der sexuellen Orientierung wirkt ein reines Männer- oder Frauenpaar auf den Beobachter anders als ein gemischtes Paar. Die Verbände wollen sich damit vor möglichen Klagen schützen wenn gleichgeschlechtliche Paare regelmäßig schlechter abschneiden.

    Wo aber bei einem Tanzkurs der Unterschied zwischen Paar und Paar liegen soll erschließt sich mir ehrlich gesagt auch nicht. Bei den Single-Kursen sind Frauenpaare, aus der Not heraus, eher die Regel als die Ausnahme. Hier steht ja auch nicht die Paar-Leistung oder die Ästhetik im Vordergrund, sondern das Erlernen der Tänze.

  3. quellwerk 16. November 2014 um 08:28 #

    Der Grund für die Ablehnung ist folgender: die Ästhetik und Kraft eines Tanzes entsteht durch die Komposition von führenden, nachgebenden, treibenden und gegendrückenden Impulsen. Wie unschwer zu erkennen ist, sind dies Merkmale einer Vergewaltigung. Axel Rahm, der sich dieser Ingredienzen eines vollendeten Tanzes bewusst ist, wollte vermeiden, dass das lesbische Tanzpaar während des gewalthaften und schwungvollen Herandrückens des Geführten an den Führenden in der Schlussposition nach der offenen Promenade des Tangos plötzlich „Rape Culture!!“ schreit. Diese hätte eine unangenehme Betroffenheit bei den heterosexuellen Paaren erzeugt, deren Folge wiederum ein vermehrter Austritt aus dem Verein gewesen wäre. Der Grund ist also ein rein ökonomischer.

  4. Andreas 16. November 2014 um 10:18 #

    Es sind wohl die Bewegungsläufe, die stark unterschiedlich sind. Stell Dir mal vor, ein Mann soll den weiblichen Part beim Tango übernehmen.

    Das hier ist 2x männlich, das Weibliche fehlt. Von den beiden Männer übernimmt keiner den weiblichen Part:

    Das hier fehlt bei den beiden Männern:

    Equality Tango ist demnach nicht ein klassischer Tango in anderer Besetzung, sondern etwas grundlegend anderes. Von daher macht es auch Sinn, es als eigenständige Kurse anzubieten.

  5. Ralf 16. November 2014 um 10:33 #

    Tja, das ist wie beim Hessischen Rundfunk. Solche Paare sollten sich bewusst machen, welche unzumutbare Toleranz sie von ihren normalen Mitmenschen fordern. Wer es sich nicht in einem Wohlfühlwolkenkuckucksheim bequem macht, stößt in seinem Alltagsleben sehr schnell an die Grenzen, die die Mehrheitsgesellschaft setzt. Da braucht man nicht Unverständnis zu begründen. Darum geht es gar nicht. Es geht nie um die Sache (hier Paartanz), sondern immer um das Prinzip – ausgrenzen, wo es geht.

  6. knipserei 16. November 2014 um 10:35 #

    Ich vermute bei den Singles und den Jugendlichen ist es wie bei den Heten und Homos: Vergleichbarkeit. Geht ja gar nicht, wenn man einen Jugendlichen mit einem Single vergleicht. Da fällt mir auf: Und was ist, wenn der Jugendliche Single ist, die jugendliche Tanzpartnerin aber schon einen Freund hat? Und gibt es Tanzkurse auch für Bisexuelle?

  7. derdiebuchstabenzaehlt 16. November 2014 um 12:08 #

    @ Ralf

    „Es geht nie um die Sache (hier Paartanz), sondern immer um das Prinzip – ausgrenzen, wo es geht.“

    Jau! Und überhaupt ist die Welt ganz, ganz böse … wenn nich noch schlimmer …😦

  8. fink 16. November 2014 um 15:01 #

    zu Andreas: Der argentinische Tango ist um 1900 sehr wahrscheinlich als reiner Männer-Paartanz erfunden worden. Die spätere gemischtgeschlechtliche Variante ist also gerade in diesem Fall nicht die „klassische“.

    Die Frage, ob beim Tanzen eine „führende“ und eine „folgende“ Rolle erwünscht oder erforderlich sind, hat mit dem Geschlecht der Tanzenden nicht das Geringste zu tun. Eine gute Freundin von mir ist eine ausgezeichnete Tänzerin, und sie kann besser führen als die meisten Männer, und besser folgen als die meisten Frauen. Es gibt oft Männer, die gern mit ihr tanzen, weil sie es entspannend finden, einmal zu folgen. Es geht da nicht um Geschlecht, sondern einfach um Können – bei beiden (Tanz-)Rollen.

    Wir können gern darüber reden, wer beim Tanzen was jeweils will oder nicht will, aber wir reden hier nicht über Naturgesetze oder unabänderliche Regeln. Wenn man nur will, kann man diese Regeln ändern, ohne das dabei irgendwer – oder die Qualität des Tanzes – zu Schaden kommt.

  9. fink 16. November 2014 um 15:08 #

    noch mal zu Andreas: Übrigens stimmt es nicht, dass bei dem Männer-Tango niemand den „weiblichen“ (du meinst vermutlich den folgenden) Part übernimmt. Auch da wird eindeutig geführt und gefolgt. Der Witz ist, dass die beiden einander mittendrin immer mal wieder abwechseln. Das muss man erst mal hinbekommen. Ich finde nicht, dass hier irgendwas „fehlt“, sondern dass die beiden damit die Möglichkeiten des Tanzes sogar erweitern.

  10. bajazbasel 16. November 2014 um 16:16 #

    Es ist mir aufgefallen, dass in Volksmusiksendungen durchaus Frauen miteinander tanzen. Das seit Jahrhunderten übrigens und ohne Emanzipation!

  11. Ralf 16. November 2014 um 18:32 #

    @ derdiebuchstabenzählt

    Ja klar, es gibt keine Diskriminierung, und wenn Schwule und Lesben ausgegrenzt oder benachteiligt werden, ergibt sich das aus der Natur der Sache.

  12. derdiebuchstabenzaehlt 16. November 2014 um 18:43 #

    @ Ralf

    Ob es in diesem Fall um die von Dir unterstellen Gründe geht ist aber nicht klar … Du behauptes einfach, mehr erstmal nicht.

  13. Andreas 16. November 2014 um 19:48 #

    @fink: Der Tango beinhaltet im Wesentlichen, dass sie ihn lockt, halb sich hingebend, halb sich entziehend. Er versucht, sie zu beeindrucken und schließlich zu nehmen. Im Grunde ist es das heterosexuelle Geschlechterverhältnis durch Bewegungen in Szene gesetzt. Klar kann man das weiterentwickeln. Nur dann ist es etwas Neues.

  14. Atacama 16. November 2014 um 20:00 #

    @bajazbasel

    Es gibt auch spezielle Männertänze, allerdings meistens Kollektivtänze, keine Paartänze. Fahr mal in die Alpen😉

  15. fink 16. November 2014 um 21:59 #

    zu Andreas: „Im Grunde ist es das heterosexuelle Geschlechterverhältnis durch Bewegungen in Szene gesetzt“
    Wir sollten hier nicht „heterosexuell“ mit „sexistisch“ verwechseln. Ich möchte bezweifeln, dass alle Teilnehmenden eines Tangokurses erwarten, dort nicht das Tanzen, sondern reaktionäre Geschlechtsrollen beigebracht zu bekommen. Und selbst wenn wir annehmen, deine Beschreibung träfe auf den Tango zu: Wer sagt, dass Männer nicht auch „sich halb hingeben, halb entziehen“ können oder wollen? Kommt dann die Tangopolizei, wenn das mal einer will?

  16. derdiebuchstabenzaehlt 17. November 2014 um 07:39 #

    @ fink

    „Tangopolizei“

    Wenn die Teilnehmer ernsthaft mit Teilnehmende angesprochen würden, käme ich mir in einen feministischen, geschlechtergerechten Tangokurs gelockt vor und würde bei angeblichem sexistischem oder vorgeblichem heterosaxuellem Verhalten mit dem Erscheinen der Genderpolizei rechnen!🙂

  17. JeeWee 17. November 2014 um 08:27 #

    Da es keine messbaren Unterschiede zwischen dem Tanzstil eines Mannes und dem einer Frau gibt (beides, sowohl führend als auch geführt, ist erlernbar), bricht sich die Differenzierung auf persönliches Empfinden runter. Ich selbst habe einige Stunden Tanzunterricht, sowohl Tango, als auch Walzer, als Foxtrott, als auch ChaChaCha… genommen, und dabei die führende Rolle als auch die geführte abwechselnd inne gehabt.

    • Adrian 17. November 2014 um 10:42 #

      @ Jee Wee @ all
      Ich würde auch vermuten, dass das persönliche Empfinden der ausschlaggebende Grund für diese Trennung ist. Ich denke es gibt dabei zwei Ebenen.

      Erstens: Geschlechternormen. Der Mann führt, die Frau wird geführt. So war das, so gehört es sich. Gleichgeschlechtliche Tanzpaare bringen diese Ordnung zwangsläufig durcheinander.

      Zweitens: Paartanz hat etwas reichlich intimes, da steckt oft ein Schuss Erotik drin. So was wollen einige nicht zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren sehen.

  18. udopsi 17. November 2014 um 19:09 #

    Aus eigener Erfahrung: Ich möchte nur einmal darauf hinweisen, dass es TanzSPORT ist. Wie bei allen Sportarten gibt es bestimmte Regeln, und Vergleichbarkeit muss es geben! In einem Tanzkurs wird meistens daraufhin gearbeitet, eine Prüfung zu machen und sich eine Tanznadel zu erwerben. Der/die Tanzlehrer-in achtet dabei auf alle Formalitäten zu Schritten, Rhythmus und Ästhetik. Bitte erinnert euch an den Läufer (oder war es ein Hochspringer?), der nach einer Beinamputierung mit Prothese gelaufen ist und deutlich besser war. Da stellt sich tatsächlich die Frage der Vergleichbarkeit (und das ist für den Sport intrinsisch). Warum unterschieden wird in bestimmten Gruppen: Weil jede Zielgruppe andere Anforderungen hat. Jugendliche haben nicht ‚Ängste sich zum Affen zu machen‘, sondern wollen bestimmte Tänze für den Abiball einstudieren. Ähnliches gilt auch für Singles oder Rumba-Tänzer. Hier finde ich den Hinweis der Tanzschule völlig okay, dass sie Equality nicht anbieten. Man kann sich auch nicht für den Rumba-Kurs anmelden und dann meckern, dass man keinen Waltzer lernt.
    Die einzige Problematik sähe ich dann, wenn es eine allgemeine Tanzstunde ist, wo NICHT auf spezifische Tanzarten oder Prüfungen hingearbeitet wird und die Tanzschule sagt: Hier kann jeder Tanzen, außer zwei Frauen oder Männer miteinander. Das wäre Diskriminierung.

  19. udopsi 18. November 2014 um 19:58 #

    Zum Nachtrag:
    „“Dabei beruft sich die Tanzschule auf „Durchführungsmodalitäten des bundesdeutschen Tanzverbandes“.

    Gegenüber der „taz“ erklärte allerdings Heidi Estler vom Deutschen Tanzsportverband (DTV), dass diese Vorgaben für den Freizeitbereich nicht gelten würden. TC Capitol habe hier „etwas durcheinandergebracht“, sagte die Expertin.““

    http://www.queer.de/detail.php?article_id=22718

  20. ollischaefer 19. November 2014 um 13:53 #

    Wenn ich mir meine Tanzstundenerfahrung in Erinnerung rufe, so wurde damals oft mit Partnerwechsel gearbeitet, so dass jeder mal mit jedem tanzte. Sollte das heute noch so sein, so dürfte es schon für viele eine Herausforderung sein, vorzugsweise für heterosexuelle Männer, wenn sie nach einem Partnerwechsel plötzlich einen Kerl übers Parkett schwenken sollen.
    Und ehrlich gesagt, hätte ich dafür auch Verständnis.

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