Die Angst der Birgit Kelle

6 Feb

Birgit Kelle gehört zu den Vorzeigefrauen gegen Bildungspläne und Feminismus und erfreut sich selbst in linksliberalen maskulistischen Kreisen großer Beliebtheit. Warum erscheint rätselhaft, denn Kelles Positionen sind ziemlich konservativ und von einer charmant versteckten Angst und Abneigung vor anderen Lebensweisen durchdrungen.

Wolfgang Brosche arbeitet dies in einem Beitrag  – als Antwort auf eine Kolumne von Kelle im „European“ – vortrefflich heraus:

Wie viel Angst muss eine Mutter vor „sexueller Fehlentwicklung“ ihrer Kinder haben, wenn sie den Vierjährigen, die spontan zu dritt heiraten wollen, meint erklären zu müssen, dass das nicht ginge!

Brosche bezieht sich hier auf eine von Kelle geschilderte Episode mit ihrem Sohn:

Unser damals Vierjähriger hatte im Kindergarten zwei Lieblingsspielkameraden: Lisa und Yannick. Eines Tages machte Lisa ihm im Wohnzimmer dann einen Heiratsantrag. Der arme Kerl wusste nicht genau, wie er aus der Nummer wieder raus kommt und sagte: „Frag doch mal Yannick.“ Dieser hatte dann die rettende Idee: „Wir können ja zu dritt heiraten.“ Ich habe damals den Fehler begangen, Yannick zu sagen, dass das nicht geht, aber sie waren ja damals auch erst vier.

Ich finde diese Episode mit den Kinder geradezu rührend niedlich, zeugt es doch von einer herzerwärmenden Zuneigung, die insbesondere Yannik für Lisa und Kelles Sohn hegt. Bei Kelle aber fingen offenbar gleich alle katholischen Alarmglocken an zu schrillen:

Die Bemerkung, sie habe damit „einen Fehler“ gemacht, meint Frau Kelle natürlich ironisch. Aber ja, sie hat einen Fehler gemacht – sie hat Angst vor der Fantasie und der Lebenszuversicht eines Vierjährigen!

Wie wunderbar, wenn ein unverbildetes Kind die Tabus und Dogmen infrage stellt. Ja, warum dürfen eigentlich nicht drei Personen heiraten? Und warum ist normgerechte Heirat wichtiger als liebevolles Zusammenleben zu dritt?

Eine gute Frage, die ich perönlich mit einem klaren „Ist sie nicht“ beantworten würde, da in meiner Welt jeder jeden heiraten dürfte, vorausgesetzt es ist konsensual.

Im Übrigen sei hier hier nur nebenbei angemerkt, dass die Episode mit den drei Kindern bereits mehr als deutlich macht, wie zeitig Kinder bereits „sexualisiert“ sind, wenn man denn den Ausdruck der Gegner des Bildungsplanes verwenden will. Mit etwa vier Jahren machen die Damen den Herren bereits Heiratsanträge. Aber gut, dieser Antarg war ja auch okay, da normgerecht heterosexuell und tradiert…

Warum hat Birgit Kelle so viel Angst davor, dass sich ihr Sohn fragen könnte, ob Sex in allen möglichen Konstellationen Spaß machen darf oder gar, ob er schwul sei? Weshalb hat sie so viel Angst davor, dass Kinder auch von anderen Lebenswegen erfahren? Weil tief in ihr zwei Ängste schlummern und beim Schreiben ihrer Bücher und Artikel virulent werden.

Der Begriff „Homophobie“ wird oft kritisert, bei Kelle scheint er aber im Wortsinn zuzutreffen. Sie hat Angst:

Ganz tief sitzt in ihr das antiquarische Vorurteil, dass Homosexualität etwas Böses, Negatives sei, dass allein schon das Wissen über Homosexualität Kinder verführen und verleiten könne zum Bösen. Das nicht auszurottende Gerücht der Ansteckung! Wer sich so sperrt gegen homosexuelle Emanzipation und Gleichberechtigung, hat nur einen einzigen Grund: Er, sie hat Angst vor der Homosexualität, hält sie für etwas Unmenschliches. Wie ja alle angeblich nicht normgerechte Sexualität unmenschlich und tierisch ist und weil Hedonismus nicht ins christliche Abendland passt.

Brosche liegt hier richtig, konsttiert aber noch einen zweiten Auslöser der Angst, den ich in meinen Worten als „parentalen Narzissmus“ beschreiben würde:

Die zweite Angst sitzt noch tiefer – Frau Kelle hat wie viele Mütter bzw. Eltern Angst vor ihrem Kind. Angst, dass das Kind nicht so wird wie sie, dass es ein eigenständiges Leben, eine eigenständige Sexualität und vor allem eigenständige Ansichten auf das Leben entwickelt. […]

Das Kind wird vor allem von Müttern, die so empfinden, als ein Organ ihres Körpers, als eine Fortsetzung ihrer Psyche betrachtet. Deshalb sind Eltern auch so gekränkt, wenn Kinder intelligenter sind als sie, andere politische Ansichten entwickeln – aber selbst damit kann man sich im Double-Bind des „Ich liebe dich trotzdem“ noch arrangieren. Doch wenn ein Kind nicht die gleiche Sexualität hat, dann ist das die größte narzisstische Kränkung der Eltern, die sich denken lässt – sie beruht auf dem grässlichen Irrtum, das Kind würde nicht wie sie empfinden. Deshalb bestehen ja auch Propagandisten wie Kelle darauf, dass Homosexuelle nicht so lieben können wie Heterosexuelle, dass diese Liebe eine emotional minderwertige sei.

Dass homosexuelle Liebe – und Sexualität – minderwertig sei, ist ein Topos, der sich durch sämtliche Kritiken an der Homsoexualität zieht. Diese Abwertung der Homosexualität geht dabei oft mit einer ans Absurde grenzenden Verkitschung und Idealisierung der Heterosexualität einher.

Frau Kelle, die sich so modern mütterlich gibt, so ironisch und lakonisch schreibt, ist so eine „Ich-liebe-dich-trotzdem-Mutter“ mit ihrem Programm des Schweigens, Abwehrens, Verhinderns, ein Programm der Verdrängung und Pathologisierung des „missratenen Kindes“! Weil sie nicht nur Angst hat vor Homosexuellen, nicht bloß fürchtet, ihre Kinder könnten ihr entgleiten, sondern weil sie im Tiefsten wirklich glaubt, Homosexuelle seien verkehrt, falsch, infernalisch, eine Gefahr für die Gesellschaft – und dabei recht eigentlich bloß eine Gefahr für ihr Selbstbild.

Ich empfehle jeden, den doch recht langen Beitrag von Wolfgang Brosche in Gänze zu lesen.

6 Antworten to “Die Angst der Birgit Kelle”

  1. Kai 6. Februar 2015 um 14:33 #

    Hallo Adrian,

    Ich selbst bin auch gegen diese Lehrpläne. Ein Beispiel hierzu, dass auch Du vor einiger Zeit gebracht hast, das der Elternschaften. Alles ist normal, alles ist ganz nett und ob die Gabi die Tochter von Klaus und Gerda ist, oder von Klaus und Klaus oder von Gerda und Uschi und ob Uschi nu vorher ein Mann war, der doch lieber mit der Gerda eine lesbische Beziehung hätte, das alles ist ganz normal… Gerade hat der Bundesgerichtshof diese Normalität beendet, in dem er selbst nicht volljährigen Kindern ein Auskunftsrecht über ihren Spendervater eingeräumt hat! Aber das alles muss normal sein, weil wir das so wollen!

    „Eigentlich ist es egal, wer mit we_m wie genau verwandt ist. Wichtig ist, dass
    die Familienmitglieder sich möge_n und gerne eine Familie sind.“ Scheint somit nicht so ganz zu stimmen, zumindest nicht für die Kinder, die gerne wissen möchten wer ihr leiblicher Vater ist! Und die Kinder von Eltern die sich dann mal zur Homosexualität bekennen, oder noch besser gleich mal das andere Geschlecht annehmen wollen, haben da ja auch alle kein Problem mit, weil das ja soooo coooooool ist! Fuck! Da ist nichts so cooool, Kinder, besonders die Kinder aus diesen Familien haben da nun mal Fragen und lehnen nicht selten diesen soooo coooolen Schritt des Elternteils (erst einmal) ab! Auch wir haben leider immer wieder diese Fälle bei uns, leider im Bezug auf die Problematik die Kinder hier mit ihrem Elternteil haben! Und selbst auf einem Kindergeburtstag sollte ich das Kind nicht nach der Trennung der Eltern fragen, die Mutter lebte jetzt mit einer anderen Frau, das Kind hatte das sooooo coooole angeblich noch nicht ganz verarbeitet…

    Nun könnte man natürlich einfach über die vom BVerfGer festgestellten Rechte für Kinder hinweggehen, es Kindern, weil es ja sooooo coooool ist, erklären das man sich dann mal, entgegen deutscher Rechtsvorschriften, Samen in Dänemark holen kann und das Rauschgift aus Holland! Ob aber alle diese Fragebögen Kindern bei irgendwas helfen, außer dass sie auf irgendeine Linie gebracht werden, auf der sie eben selbst am besten sooooo cooooole Sache nicht hinterfragen, steht auf einem anderen Blatt!

    Wenn Brosche Kelle vorwirft Angst vor sexueller „Fehlentwicklung“ ihres Kindes zu haben, hat Brosche evtl. Recht, oder auch nicht! Aber Brosche und die Entwickler dieses Metodenschatzes haben Angst vor einer ERGEBNISOFFENEN Diskussion die in dieser Gesellschaft mehr als Wichtig ist! Eine Diskussion in der wir über Vaterschaft, Mutterschaft, Spendersamen, Leihmutterschaft, über Adoption und ihre Regeln diskutieren! Wie gesagt, mit Ergebnisoffenheit! Stattdessen versucht man hier Kinder zu instrumentalisieren und auf Linie zu bringen die ja sooooo coooool ist! Was coooool ist hinterfragt man nicht! Und ob Bundesverfassungsrichter die als Kinder diesen Lehrplan so durchlaufen hätten das gleiche Urteil zum Auskunftsrecht gefällt hätten, ist erst einmal zu bezweifeln.

    Wenn man wirklich Kindern irgendetwas beibringen möchte, dann lädt man Schwule und Lesben ein, Transgender, Transsexuelle etc. und redet mit diesen Menschen! Die können dann auch über ihre leibliche Elternschaft berichtet und die Probleme die die eigenen Kinder damit haben/hatten. Da hätten die Kinder dann auch keinen „Methodenschatz“ den homophobe Eltern zuhause eh sofort zerstören, sondern die Gewissheit, dass die Kinder einmal mit ganz normalen Menschen aus Fleisch und Blut gesprochen hätten, dass ihre Fragen aus erster Hand beantwortet worden wären etc. etc. etc. Doch darum, also das Normal ansehen von Homosexualität, geht es hier nicht. Es geht hier einzig darum den Kindern die familienpolitischen Ziele der LSBTG Bewegung als ganz normal und cool zu verkaufen! Das ist Indoktrination, und die ist in unseren Schulen nun einmal verboten!

    Aber als Gegner dieses Bildungsblödsinns bin ich, zumindest habe ich das aus den vorherigen Diskussionen entnommen, eh Masku, blöd und homophob! Ja, blöd hab ich da selbst reininterpretiert!

  2. Matthias 8. Februar 2015 um 13:52 #

    Hi Adrian,

    also bei allem Verständnis dafür, dass viele Homos irgendwo den Alptraum haben, dass sie morgens aufwachen und in einem Homo-Internat eingepfercht sind, in dem Birgit Kelle die strenge Direktorin ist, von der ihr dann über ihrem Schreibtisch gebeugt was mit der Suppenkelle hintendrauf kriegt zwecks „Umpolung“ (Ja sorry, aber so, wie einige vom anderen Ufer über sie schreiben, könnte man meinen, ihr hättet wirklich solche Alpträume…), kann ich doch vieles so nicht stehen lassen. Also:

    „Warum erscheint rätselhaft, denn Kelles Positionen sind ziemlich konservativ und von einer charmant versteckten Angst und Abneigung vor anderen Lebensweisen durchdrungen.“

    Angst & Abneigung? Reine Interpretation! Wo sind die klaren Beweise dafür? Das mit dem Homo-Adoptionsrecht und dem Begriff „Ehe“ reicht da nicht.

    „Wie viel Angst muss eine Mutter vor „sexueller Fehlentwicklung“ ihrer Kinder haben, wenn sie den Vierjährigen, die spontan zu dritt heiraten wollen, meint erklären zu müssen, dass das nicht ginge!“

    Brosche überinterpretiert hier völlig etwas, was ihr nur mal so rausgerutscht ist. Darf sie denn bald gar nichts mehr sagen?

    „Bei Kelle aber fingen offenbar gleich alle katholischen Alarmglocken an zu schrillen:

    Die Bemerkung, sie habe damit „einen Fehler“ gemacht, meint Frau Kelle natürlich ironisch. Aber ja, sie hat einen Fehler gemacht – sie hat Angst vor der Fantasie und der Lebenszuversicht eines Vierjährigen!

    Wie wunderbar, wenn ein unverbildetes Kind die Tabus und Dogmen infrage stellt. Ja, warum dürfen eigentlich nicht drei Personen heiraten? Und warum ist normgerechte Heirat wichtiger als liebevolles Zusammenleben zu dritt?“

    Brosche und Du interpretieren hier völlig über, was eine Frau nur mal so gesagt hat beim Spielen mit den Kindern? Zu dritt heiraten? geht doch gar nicht! Schon kommt ihr an und schreit rum von „katholischen Alarmglocken“, und wenn Frau Kelle in der Situation (vermutlich) noch so locker war.

    Aber da haben wir es mal wieder: Das Thema ist echt vermintes Gelände.

    „Im Übrigen sei hier hier nur nebenbei angemerkt, dass die Episode mit den drei Kindern bereits mehr als deutlich macht, wie zeitig Kinder bereits “sexualisiert” sind, wenn man denn den Ausdruck der Gegner des Bildungsplanes verwenden will. Mit etwa vier Jahren machen die Damen den Herren bereits Heiratsanträge. Aber gut, dieser Antarg war ja auch okay, da normgerecht heterosexuell und tradiert…“

    Das ist keine Sexualisierung.

    „Warum hat Birgit Kelle so viel Angst davor, dass sich ihr Sohn fragen könnte, ob Sex in allen möglichen Konstellationen Spaß machen darf oder gar, ob er schwul sei? Weshalb hat sie so viel Angst davor, dass Kinder auch von anderen Lebenswegen erfahren? Weil tief in ihr zwei Ängste schlummern und beim Schreiben ihrer Bücher und Artikel virulent werden.“

    Völlige Überinterpretation.

    „Ganz tief sitzt in ihr das antiquarische Vorurteil, dass Homosexualität etwas Böses, Negatives sei, dass allein schon das Wissen über Homosexualität Kinder verführen und verleiten könne zum Bösen. Das nicht auszurottende Gerücht der Ansteckung! Wer sich so sperrt gegen homosexuelle Emanzipation und Gleichberechtigung, hat nur einen einzigen Grund: Er, sie hat Angst vor der Homosexualität, hält sie für etwas Unmenschliches. Wie ja alle angeblich nicht normgerechte Sexualität unmenschlich und tierisch ist und weil Hedonismus nicht ins christliche Abendland passt.“

    Eigentlich zum Lachen, was Herr Borsche da schreibt. Nur: Was muss diesem armen Kerl eigentlich widerfahren sein, dass er derart abgeht. Meine Güte!

    Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass diese wirklich sehr nette Frau Homosexualität als was böses ansieht. Oder glaubt, dass Kinder in der Schule damit „angesteckt“ werden könnten.

    Man muss auch mal die Kirche im Dorf lassen. Diese Frau ist nicht der Teufel (bzw. dessen Nichte!), wie viele Homos ihn immer an die Wand malen.

    „Das Kind wird vor allem von Müttern, die so empfinden, als ein Organ ihres Körpers, als eine Fortsetzung ihrer Psyche betrachtet. Deshalb sind Eltern auch so gekränkt, wenn Kinder intelligenter sind als sie, andere politische Ansichten entwickeln – “

    Ein wichtiger Punkt, unabhängig vom Thema „Homosexualität“. Es gibt solche Leute. Ich glaube aber nicht, dass Frau Kelle so drauf ist. Sie ist Jahrgang 1975 und nicht z.B. 1920.

    Und wann hat sie eigentlich mal gesagt, sie würde ein homosexuelles Kind „trotzdem lieben“?

    Und wenn: Wie hat sie das dann genau gemeint? Ist ihr dann die unglückliche Formulierung nur mal so herausgerutscht oder ist für sie ein Homo-Kind wirklich ein Kind 2. Klasse? Und wie will man ihr Letzteres nachweisen?

  3. Atacama 8. Februar 2015 um 16:04 #

    „Das ist keine Sexualisierung. “

    Wenn das Sprechen über Homosexualität und der Existenz derselben und der Existenz von Leuten dieser Orientierung Sexualisierung ist, dann ja.

  4. Damien 9. Februar 2015 um 11:41 #

    @Kai: „LSBTG Bewegung“? Was habe ich verpasst, wofür steht das „G“?😉

  5. Kai 9. Februar 2015 um 13:14 #

    Hallo Damien,
    das G steht für für Menschen mit dicken Fingern, die manchmal zwei Tasten gleichzeitig bedienen, die wollte ich hier unbedingt auch einmal sichtbar machen😉 😀

    Bei dieser Bezeichnung fängt das Problem aber auch an, wenn man nicht zur Comunity gehört weiß man heute auch schon nicht mehr was man nu schreiben soll ohne sich potentieller Kritik auszusetzen, von LSBT bis LSBTTIQ ist ja alles möglich…

    Gruß
    Kai

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