In Vielfalt Fernsehen

21 Feb
Bundesländer für alle!

Bundesländer für alle!

Zuweilen hat man den Eindruck, die Bundesrepublik Deutschland ist kein Land, sondern ein Kasperletheater:

Gegen den geplanten neuen Staatsvertrag für das ZDF regt sich heftige Kritik seitens des Lesben- und Schwulenverbandes LSVD. Laut Vorstandsfrau Henny Engels sei der mit der Reform einhergehende Ausschluss von Schwulen und Lesben „unfassbar“.

Unfassbar finde ich es eher, dass es überhaupt Staatsverträge mit Medien gibt.

Das neue Regelwerk sieht vor, dass jedes Bundesland künftig in den Fernsehrat einen Vertreter einer gesellschaftlichen Gruppe entsendet. So übernimmt Hessen die “Migranten”, Rheinland-Pfalz schickt einen Vertreter der “Menschen mit Behinderung” und Sachsen-Anhalt einen für “Heimat und Brauchtum”. Damit soll der Sender nach Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts “staatsferner” gestaltet werden.

Soso, jedes Bundesland soll also demnächst eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe in den Fernsehrat entsenden, um das ZDf „staatsferner“ zu gestalten. Wäre es diesem Ziel nicht förderlicher, man privatisert das ZDF und schafft Staatsverträge und Fernsehräte ab?

Doch Lesben und Schwule sind in dem Gremium nicht als Gruppierung vertreten, stellt Henny Engels im aktuellen Spiegel fest. “Das ist eine eklatante Missachtung und Diskriminierung”, heißt es im Protestbrief des LSVD, aus dem das Nachrichtenmagazin in seiner aktuellen Ausgabe zitiert. […] “Kann es sein”, so Engels, “dass sich keines der 16 Bundesländer bereitgefunden hat”, einen Vertreter dieser Gruppe zu schicken?

Ich denke, die Problematik ist viel einfacher zu erklären: Wir haben einfach nicht genügend Bundesländer für alle gesellschaftlichen Gruppen, die sich im Fernsehrat repräsentiert sehen wollen. Denn immerhin ist es kaum anzunehmen, dass es nur 16 verschiedene gesellschaftliche Gruppen in diesem Land gibt.

Spontan fallen mir nämlich weitaus mehr ein (die Aufzählung beinhaltet keine Gewichtung nach Relevanz):

1. Fußballfans

2. Vegetarier

3. ADAC-Mitglieder

4. Menschen mit Migrationshintergrund

5. Konservative

6. Pegida-Anhänger

7. Sozialisten

8. Fahrradfahrer

9. Eltern

10. Singles

11. Behinderte

12. Grüne

13. Impfgegner

14. Feministen

15. Männerrechtler

16. Kleintierzüchter

17. Christen

18. Muslime

19. Juden

20. Buddhisten

21. Jainisten

22. Shintoisten

23. Atheisten

24. Frauen

25. Männer

26. trans*

27. inter*

28. Heterosexuelle

29. ja, Homos sind auch noch dabei

to be continued…

Man sieht also: Will man, gemäß dem neuen Staatsvertrag allen gesellschaftlichen Gruppen gerecht zu werden, müsste man in Deutschland wieder die Kleinstaaterei einführen, wie sie zur Zeit des Heiligen Römischen Reiches bestand (siehe Bild oben).

Mich würde nun nur noch interessieren, welche 16 Gruppen tatsächlich als würdig erachtet wurden, sich durch den Staat in einem staatlich bestellten Fernsehrat, der unabhängiger vom Staat sein soll, repräsentieren zu lassen. Eine diesbezügliche Auflistung wäre höchst aufschlussreich.

Ergänzung:

queer.de hat dankenswerter Weise eine Auflistung aller repräsentierten Gruppen zur Verfügung gestellt:

Baden-Württemberg: Jugend
Bayern: Digitales
Berlin: Internet
Brandenburg: Senioren, Familie und Frauen
Bremen: Wissenschaft und Forschung
Hamburg: Musik
Hessen: Migranten
Mecklenburg-Vorpommern: Bürgerschaftliches Engagement
Niedersachsen: Muslime
NRW: Medienwirtschaft und Film
Rheinland-Pfalz: Menschen mit Behinderungen
Saarland: Kunst und Kultur
Sachsen: Ehrenamtlicher Zivil- und Katastrophenschutz
Sachsen-Anhalt: Heimat und Brauchtum
Schleswig-Holstein: Regional- und Minderheitensprachen
Thüringen: Verbraucherschutz

Weitere Vertreter:
Bund (2)
Landkreistag (1)
Deutscher Städtetag (1)
Evangelische Kirche (2)
Katholische Kirche (2)
Zentralrat der Juden (1)
Deutscher Gewerkschaftsbund (1)
ver.di (1)
Deutscher Beamtenbund (1)
Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (1)
Deutscher Industrie- und Handelskammertag (1)
Zentralausschuss der Deutschen Landwirtschaft (1)
Zentralverband des Deutschen Handwerks (1)
Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (1)
Deutscher Journalisten-Verband (1)
Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (1)
Caritasverband (1)
Arbeiterwohlfahrt (1)
Deutscher Olympischer Sportbund (1)
Europaunion Deutschland (1)
Bund für Umwelt und Naturschutz (1)
Naturschutzbund (1)
Bund der Vertriebenen (1)
Vereinigung der Opfer des Stalinismus (1)

Diese Auflistung macht die ganze Geschichte noch lustiger: Frauen sind dabei (natürlich), Männer aber nicht, das Internet ist auf einmal eine gesellschaftliche Gruppe und die Opfer des Faschismus wurden zugunsten der Vertriebenenverbände übergangen. 

5 Antworten to “In Vielfalt Fernsehen”

  1. Carlos Mario Castro 21. Februar 2015 um 13:30 #

    Old Germany

  2. Ralf 21. Februar 2015 um 13:56 #

    Von welcher Relevanz 70 Jahre nach der Vertreibung die Vertriebenenverbände sein sollen und inwieweit sich die Lebenswirklichkeit der -ja mind. 70 Jahre alten- Vertriebenen auf Grund der historischen Vertreibung heute signifikant von derjenigen anderer Menschen unterscheidet, möge mir mal jemand erklären. Auch erscheint zweifelhaft, bestimmten Gruppen von Verbrechensopfern Sitz und Stimme im Fernsehrat einzuräumen, der „Europaunion“ (wer soll denn das sein???) und gleich sechs Stimmen den beiden Großkirchen zuzuschanzen (je zwei unmittelbar und je eine über ihre Wohlfahrtsverbände), zumal insbesondere die kath. Kirche nicht auf dem Boden unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung steht.

  3. Kai V 21. Februar 2015 um 16:01 #

    Genau, Schwul sein, wer braucht das noch… können wir auch gleich mit dem Staats-TV abschaffen.😉 Ihr Liberalen wieder! Genau das ist in einem Staatstv eigendlich die Aufgabe, Minderheiten und Minderheiten Meinungen ebenso vertreten, Inklusion, Randthemen etc. Leider ist heute nur noch Einschaltquote, Einschaltquote, Einschaltquote und wer beim Tatort nicht eingeschlafen ist

    Es ist auch völlig legitim das hier Schwulenverbände (oder alle anderen nicht vertretenen Verbände) auf die Pauke hauen, das ist deren Aufgabe!

    Ich fände es besser, wenn es sich abwechseln würde, ein Jahr Homos und Vertriebene, ein Jahr Männerrechtler und Feministen, dann Behinderte etc. etc. etc. So könnte man ein breiteres Spektrum erhalten…

    Gruss
    Kai

  4. rom 27. Februar 2015 um 09:10 #

    Könnte es nicht sein, dass man da bewusst Schwule und Lesben ausgeschlossen hat, weil man fürchtet es könnte mit „Migranten“ und „Muslimen“ Streitigkeiten geben? Ich glaube nicht, dass es sich hier um ein „Versehen“ oder „Vergessen“ handelt, sondern um eine ganz bewusste Ausschliessung um Streit zu vermeiden!

    Warum man dann „Muslimen“ und „Migranten oder auch „Kirchen“ den Vorzug gegeben hat, müsste man noch klären…….rom

  5. petpanther 2. März 2015 um 10:31 #

    Yup.

    Gut dargestellt.

    Vielleicht wird es Zeit da bald den Stöpsel zu ziehen. Die sind auf einer barocken Tangente. Scheint leider notwendig.

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