Das Studienzentrum Weikersheim, Rohrmoser und die liberale Dekadenz

20 Apr

Was Günther Oettinger geritten hat, als er dem verstorbenen Hans Filbinger bescheinigte, trotz seiner Karriere im NS-Staat ein Gegner des Nazi-Regimes gewesen zu sein, wird zunehmend klarer. Sowohl Filbinger als auch Oettinger waren bzw. sind noch Mitglieder beim Studienzentrum Weikersheim, einem Think Tank, welchen man am besten mit den Worten „konservativ im negativen Sinne“ beschreiben kann. Weikersheim beruft sich dabei auf ein „abendländisch-christliches Menschenbild“ und die alte konservative Prämisse, dass die Rechte des Individuums durch die Verpflichtung für das Gemeinwohl eingeschränkt zu sein hätten. Weikersheim hat trotz seines Bekenntnisses zu einer vorstaatlichen Definition der Menschenrechte größte Sympathien für das Völkerrecht, was sich eigentlich ausschließt, weil Menschenrechte eben nur individuell zu betrachten sind und das Völkerrecht eine kollektive Kategorie ist. Zudem hält man es für wichtig, die kulturelle Situation einer jeden Nation zu berücksichtigen. Beide Anschauungen öffnen einer Relativierung der Menschenrechte Tür und Tor. Weikersheim will überdies im August diesen Jahres dem ehemaligen Brigadegeneral Reinhard Günzel ein Podium bieten, der sich zur antisemitischen Rede Martin Hohmanns äußerst positiv geäußert hat.

Das Studienzentrum Weikersheim hat also recht eigentümliche Vorstellungen von individueller Freiheit und Menschenrechten, es bietet Antisemiten ein Forum und hat kein Problem damit Nazi-Karrieristen als Nazi-Gegner zu bezeichnen. Und es kommt, in seiner Eigenschaft als den traditionellen Werten verpflichtetes Institut, auch nicht umhin, einen Gegensatz zwischen Homosexualität und dem christlichen Abendland zu konstruieren. Prof. Dr. Günter Rohrmoser, Sozialphilosoph und Theologe, machte dies in einer Publikation in den Weikersheimer Blättern mehr als deutlich, als er in dem Artikel „Die Wiederkehr der Geschichte“ neben vielerlei anderem Geschwurbel auch folgendes zum Besten gab:

Wir brauchen nicht nur russisches Öl, sondern wir brauchen diesen russischen Konservativismus als Gegengewicht gegen die liberale Dekadenz, die sich bei uns ausbreitet.
Ich will nicht darüber frohlocken, daß sie den Hauptvertreter des deutschen Schwulentums in Moskau ins Gesicht geschlagen haben, aber ich bin sicher, daß durch diesen Vorgang Rußland neue Freunde, wenn nicht 10, dann 100 000 dazugewonnen hat.
Wir sind durch den seltenen Anblick konfrontiert worden – hier ist ein Land, das sagt schlicht: Wir wollen das nicht.
Meine Damen und Herren, die diskutieren nicht über unendliche Gesichtspunkte, die dafür oder dagegen sind. Sie sagen: Wir wollen es nicht. Und sie handeln danach.

Die Aussage ist klar: Trotz der Floskel, er wolle „nicht darüber frohlocken“, findet Rohrmoser es offensichtlich gut und richtig, dass Volker Beck bei der Demonstration für die Rechte Homosexueller letztes Jahr in Russland, eins aufs Maul bekommen hat und er lobt gar die Angreifer ob ihres Mutes gegen die „liberale Dekadenz“ des Westens aufzubegehren. Man sollte, ja muss Rohrmoser in diesem Zusammenhang eines ganz klar und deutlich sagen: Er mag sich konservativer Christ nennen und glauben, dies reiche aus, um für sich Moral und Anstand in Anspruch zu nehmen. Tatsache ist aber, dass eine solche Aussage nur von einer moralisch verkommenen Person kommen kann, die eine perverse Lust daran empfindet, Menschen alleine auf Grund ihrer Liebe zu Menschen des gleichen Geschlechtes als wert zu betrachten, auf offener Straße verprügelt zu werden. Eine wirklich feine Gesellschaft in die sich Oettinger da begeben hat.

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7 Antworten to “Das Studienzentrum Weikersheim, Rohrmoser und die liberale Dekadenz”

  1. Ralf Heinritz 21. April 2007 um 14:20 #

    Right On. Ich könnte auch das Kotzen kriegen, wenn ich auf französischen blogs (durchaus von sonst sympatischen Leuten auf delicio.us präsentiert) Lobeshymnen auf Pinochet sehe- obwohl ich jetzt wohl eher rechts bin.

  2. godforgivesbigots 22. April 2007 um 11:27 #

    Der olle Rohrmoser redet so dummes Zeug, weil er den skrupellosen KBG-Mann im Kreml und seine Pipelines so sexy findet? Hmmm. Das würde heißen er spräche aus was Gerhard Schröder nur im Stillen denkt, aber letzterer hat sich nie kontrovers zu den Ambitionen des Islam geäußert.

    Zum Thema Europa und Islam hat Rohrmoser u.a. folgendes zu sagen:

    Meine Damen und Herren, es ist das alte deutsche Elend. Es ist die Hybris, wir könnten in der Bundesrepublik Deutschland das Endziel der neuen Weltordnung der Durchsetzung der Prinzipien eines universalen Liberalismus vorwegnehmen. Wir antizipieren das neue Weltendziel, meine Damen und Herren.

    Was eine gute Sache ist, aber dem Mann fehlt eindeutig das dafür erforderliche Selbstbewußtsein. Zu genau diesem Punkt erklärte Adorno:

    Für den, der nicht mitmacht, besteht die Gefahr, daß er sich für besser hält als die andern und seine Kritik der Gesellschaft mißbraucht als Ideologie für sein privates Interesse. Während er danach tastet, die eigene Existenz zum hinfälligen Bilde einer richtigen zu machen, sollte er dieser Hinfälligkeit eingedenk bleiben und wissen, wie wenig das Bild das richtige Leben ersetzt. Solchem Eingedenken aber widerstrebt die Schwerkraft des Bürgerlichen in ihm selber.

    Die Hybris an dieser Stelle scheint mir eher darin zu bestehen, daß die Weikersheimer Intellektuellen aus einem hohlen Dogmatismus heraus das Erbe der Kritischen Theorie ganz und gar verwerfen. Denn ohne den antifaschistischen Neuanfang in seiner Gänze ernstzunehmen, wäre es wirklich das alte deutsche Elend zu glauben es ließe sich ein anderes Weltendziel als die Sharia denken.

    Das Studienzentrum Weikersheim ist eben doch eine Trauergesellschaft für Altnazis, und als solche einem Islam der mit Antifaschismus und Holocaustleugnung Bäumchenwechseldich spielt nicht gewachsen.

  3. Christian 22. April 2007 um 11:49 #

    Interessanter Artikel, allerdings mit einer Aussage, die ich kritisieren muß: Es ist nicht zu erkennen, warum sich Völkerrecht und Menschenrechte zwangsläufig ausschließen müssen. Ganz im Gegenteil halte ich z.B. die UN-Menschenrechtscharta, die Europäische Menschenrechtskonvention und andere regionale Menschenrechtsübereinkommen für wesentliche Grundlagen effektiver Freiheitsdurchsetzung. Dazu tragen Institutionen wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte oder, vielleicht noch wichtiger, sein Äquivalent für Lateinamerika, wesentlich bei.

  4. Johannes Persching 22. April 2007 um 22:52 #

    Es ist gut, dass Ihr diese Auseinandersetzung führt, weil es vielleicht manche Leser Eures Blogs gibt, die das Ausmaß der offensichtlichen inneren Verrohung Rohrmosers gern unterschätzen würden. Denn Rohrmoser galt in den 1970er/ 1980er Jahren noch als respektabler Konservativer. Das Wort von der „geistig-moralischen Wende“ wird ihm zugeschrieben, dies freilich meinte er bierernst und autoritär, und keineswegs nur „symbolpolitisch“ (wie in USA). Allerdings konnte sich Rohrmoser in den Jahren nach 1983 im innerparteilichen Diskurs nicht durchsetzten, er wurde marginalisiert und wechselte schließlich beleidigt in das Republikaner-Lager. In der Bilanz erwies sich diese Entwicklung als wahrer Segen: Nur weil CDU/FDP statt der Reideologisierungs-Falle auf eine pragmatische Konsum-, Computer- & Kabelfernsehenstrategie setzten, verrannte sich die emotionale Hysterie der „Friedens“-Kolonen ebenso ins Leere, wie die diversen nachfolgenden „Angst vor..“- Kampagnen. Dafür jedoch konnten die bürgerlichen Parteien trotz Wertewandel, Säkularisierung und Kohl;-), bereits in beträchtlichem Ausmaß „hedonistisch“ orientierte Wähler aus den in den Boom-Jahren stark angewachsenen, und ideologisch noch wenig festgelegten „neuen Mittelschichten“ hinzugewinnen. Hätte man hingegen auf die reaktionären Hardliner gehört, wären die entscheidenden Wahlen 1987 und 1990 vermutlich verlorengegangen. Wen aber, möchte man die Konservativen im eigenen Interesse fragen, hätte dann das Leben bestraft, als es darauf ankam? , bzw. : Wer hätte einen Bundeskanzler Lafontaine je verantworten können;-)? Liberale und „kritische Neocons“ mag Patti Smith lehren: „Do You like the world around You? Then change it”.

  5. MakePeacenotLove 31. Mai 2007 um 09:15 #

    Also als Rechter muss ich hier doch mal meinen Unmut kundtun.

    Herrgott, muss denn immer wieder auf Filbingers Nazi-Mitgliedschaft und auf den Weikersheimern herumgeritten werden?

    Es mag ja sein, dass die Weikersheimer ziemlich weit rechts stehen und ihre Vorstellungen nicht unbedingt besonders tolerant sind. Aber macht sie das denn bereits automatisch zu Nazis? Ich meine doch zwischen der Behauptung, dass ein Land keine Hom. in der Öffentlichkeit duldet und dem Schritt hin zur Untestützung totalitärer Systeme ist es doch ein ganzes Stück.

    Zumal ich offen gestanden keinen Zusammenhang erkennen zwischen der angeblichen Relativierung der Menschenrechte, auf die die „weikerssheimer Ideologie“ ja hinauslaufen soll und der Berücksichtigung der kulturellen Historie eines Landes.

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  1. Freunde der offenen Gesellschaft » links for 2007-04-21 - 21. April 2007

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  2. EU ... die "Erfolgstory" - oder doch nur Krieg gegen Deutschland? - Seite 3 - PolitikPla.net - 22. März 2008

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