Wüstenstrom: Wahrheit und Wissenschaft

22 Aug

Wüstenstrom und die Ex-Gay-Bewegung dürften regelmäßigen Lesern dieses Blogs nur allzu bekannt sein. In Graz ist nun für Oktober ein Kongress zum Thema „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ angekündigt, zu dem auch drei Vertreter von Wüstenstrom eingeladen wurden. Erschreckend daran ist, dass der Kongress unter der Patronanz der renommierten Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP) steht. Weder sie noch die Pharmaunternehmen, die als Sponsoren des Kongresses auftreten, waren bisher als Unterstützer von dubiosen Vereinen wie Wüstenstrom bekannt.

Für weitere Irritation bei aufgeklärten Zeitgenossen sorgte auch die Ankündigung der Teilnahme eines Exorzisten sowie die Information aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen, wonach ein Mitglied der Kongressleitung der umstrittenen katholischen Geheimgesellschaft Opus Dei nahestehen soll. Wer sich selbst ein Bild machen will: Hier geht’s zur Homepage des Kongresses.

Ein Arzt, der über seine Klinik die Einladung der ÖGPP erhalten hat, verfaßte jetzt ein – GayWest als e-mail vorliegendes – besorgtes Schreiben an den Präsidenten der ÖGPP. Darin heißt es:

Bei den drei Vertretern von Wüstenstrom handelt es sich um Markus Hoffman, Martin Wurster und Stefan Schmidt, die zwei Workshops auf dem Kongress bestreiten sollen: „Therapeutisches Arbeiten bei ichdystoner Sexualorientierung“ und „Aufbruch Leben: ein Gruppenseelsorgeprogramm zur Förderung von Identität des Mann und des Frauseins“.

Wie Ihnen sicherlich bekannt ist, gingen die aufgrund empirischer Befunde gewandelten Positionen zu Homosexualität in der Psychiatrie und Psychotherapie auch mit Veränderungen in den Klassifikationen einher. Die noch im DSM-III aufgeführte Kategorie „Ich-dystone Homosexualität“ wurde bereits 1987 im DSM-III-R endgültig gestrichen. In der ICD-10 wird die sexuelle Orientierung an sich nicht als Störung angesehen – als stigmatisierendes Überbleibsel finden sich dort jedoch noch die unter F66 zu findenden diagnostischen Kategorien der F66.0 sexuellen Reifungskrise, F66.1 ichdystonen Sexualorientierung und F66.2 sexuellen Beziehungsstörung.

Es ist unbestritten, dass interpersonelle und intrapsychische Konflikte zur Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Erkrankungen beitragen, bzw. auch als deren Folge auftreten können. Für sich genommen stellen sie jedoch keine psychische Erkrankung dar. Aus epidemiologischen Studien ist bekannt, dass Diskriminierung und verinnerlichte anti-homosexuelle Einstellungen als Risikofaktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen bei bi- und homosexuellen Menschen sind. Außerdem ist es gut nachvollziehbar, dass Depressionen, Ängste oder andere Symptome durch interpersonelle und intrapsychische Konflikte auftreten können, die im Zusammenhang mit der Entwicklung der sexuellen Orientierung stehen. Diese sind dann aber nicht als sexuelle Reifungskrise, ichdystone Sexualorientierung oder sexuelle Beziehungsstörung zu klassifizieren. Die klinisch relevanten Symptome können mit den Diagnosen einer affektiven Erkrankung, Angsterkrankung oder Anpassungsstörung passend beschrieben werden. Außerdem ist auch die ICD-10 Codierung Z70 „Beratungsversuche im Hinblick auf Sexualeinstellung, -verhalten und –orientierung“ gegebenenfalls heranzuziehen.

Dass die genannten Diagnosenkonstrukte noch immer – ohne jemals durch wissenschaftlich fundierte Untersuchungen gestützt worden zu sein! – im ICD-10 zu finden sind, lässt eher auf politische denn wissenschaftliche Hintergründe schließen. Auf die spezifischen Problembereiche von bi- und homosexuellen Patienten bei der Bewältigung des Coming-Outs oder beim Abbau von verinnerlichten anti-homosexuellen Einstellungen fokussieren mehrere affirmative psychotherapeutische Ansätze, die dabei evidenzbasierte therapeutische Methoden einsetzen. Affirmative Psychotherapie ist die Methode der Wahl zur Therapie von behandlungssuchenden lesbischen, schwulen und bisexuellen Patientinnen und Patienten.

Durch die Einladung der Mitglieder der Organisation „Wüstenstrom“ zu einem offiziellen psychiatrischen Kongress müssen sich die ÖGPP, wie auch die genannten Pharmaunternehmen den Vorwurf gefallen lassen, dass sie einer Organisation und möglicherweise auch einer „Therapie“, die weiterhin Homosexualität pathologisiert und als psychische Erkrankung, die einer Behandlung bedarf, den Anschein von wissenschaftlicher Legitimation geben.

Die ÖGPP ist als Mitglied der World Psychiatric Association (WPA) sicherlich auch mit der Resolution, die im August 2002 in Yokohama (Japan) beschlossen wurde einig: nachdem 1992 auf Grundlage zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen die Homosexualität aus der „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10)“ gestrichen wurde, wird darin nochmals betont, dass „sexuelle Orientierung per se nicht als Störung angesehen werden könne“. Die WPA fordert ihre Mitglieder weiterhin dazu auf, diese Erkenntnisse sowohl in der Lehre zu vertreten, als auch alles zu unternehmen um jeglicher Kategorisierung oder Behandlung, die auf der Annahme, dass Homosexualität per se eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung darstellt beruht, entgegenzuwirken.

Durch die Pathologisierung der Homosexualität wurde Lesben und Schwulen in der Vergangenheit sehr viel Leid angetan. Im besten Fall blieb es bei autoritär mahnenden ärztlichen oder psychiatrischen Gesprächen unter Vermittlung von Verhaltensregeln (vor dem Hintergrund eines pathologisierenden Konzeptes über Homosexualität). Immer wieder mussten die bei diesen Patienten verständlicherweise begleitend aufgetretenen Depressionen, Ängsten und anderen psychischen oder psychosomatischen Störungen medikamentös behandelt werden. Schlimmstenfalls kam es jedoch auch zu Hormon-“Therapien“ oder gar Eingriffen an den Geschlechtsorganen oder im Gehirn, die insbesondere in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches, während der Apartheid in Südafrika, aber auch noch bis in die frühen achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts z.B. in Deutschland durchgeführt wurden.

Auf der psychologischen Seite hat die Verhaltenstherapie mit ihrer Methode der aversiven Stimuli ein vergleichbares Erbe, aber auch die Psychoananlyse muss sich den Vorwurf ausgeprägter Antihomosexualität gefallen lassen, was ihre Theorien und ihr Wirken in der Vergangenheit anbelangt. Auch hier setzt sich nun zunehmend die Theorie durch, dass die weitverbreitete psychoanalytische Auffassung, Homosexualität sei eine Fixierung auf einer frühen Stufe der psychosexuellen Entwicklung und aus diesem Grunde als eindeutig abnorm-pathologisch zu beurteilen nicht durch empirische Daten gestützt wird.

Die nun im Falle des Kongresses zur Diskussion stehende „moderne Therapieform“, wie sie von der Organisation Wüstenstrom vertreten wird, könnte sich nahtlos in den Reigen der düstersten Psychiatrie-Geschichte mit einreihen. Auch hier wird in menschenverachtender Weise ein negativer Umgang mit gleichgeschlechtlich Liebenden Menschen propagiert und Heterosexualität gegenüber anderen Formen sexueller Orientierung als überlegen klassifiziert.

Sicherlich will die ÖGPP sich nicht den Ruf gefallen lassen, noch im 21. Jahrhundert obsoleten Ideologien eine Bühne stellen zu wollen und ihnen hierdurch einen wissenschaftlichen Anschein zu geben. Mir erscheint somit einzig eine deutliche Distanzierung vonseiten der ÖGPP gegenüber den Herren Hoffman, Wurster und Schmidt und möglicherweise von dem gesamten Kongress als einzig akzeptable Vorgehensweise in diesem Falle zu bleiben, um die sonst drohende Rufschädigung ihrer Gesellschaft zu vermeiden.

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie die Patronanz der ÖGPP für den Kongresses zu „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ nochmals kritisch überdenken würden. Mir kann keinerlei nachvollziehbare Begründung einfallen, wie sich eine Unterstützung der genannten Kongressinhalte Ihrerseits mit dem wissenschaftlichen Anspruch, der sich für eine nationale Gesellschaft für Psychiatrie geziemt, rechtfertigen ließe.

Bleibt zu hoffen, dass weitere besorgte Nachfragen die ÖGPP und die beteiligten Pharmafirmen, darunter Pfizer, Bristol-Myers Squibb und Novartis, tatsächlich zum Bedenken ihrer Unterstützung des Kongresses bewegen. Wobei dann vermutlich mit neuem Ärger von Wüstenstrom zu rechnen ist. So erging es jedenfalls der ZEIT, die im Januar kritisch über den Verein berichtet hatte und sich auf Betreiben der Fundamentalisten prompt eine Missbilligung des Deutschen Presserats einfing. Wüstenstrom hatte sich u.a. daran gestört, dass ihr Vorsitzender, ein Diakon, in der Wochenzeitung als Theologe bezeichnet worden war. Nun gibt es nach meinem Dafürhalten schlimmere Beleidigungen, auch kann ich im Zusammenhang des Themas „Heilung von Homosexualität“ keinen wesentlichen Unterscheid zwischen den beiden Bezeichnungen erkennen. Desweiteren erreichten die menschenverachtenden Wölfe im christlichen Schafspelz, dass der Presserat folgendes zum Besten gab:

Die Darstellung, der Beschwerdeführer sei der Ansicht, Homosexualität sei Ausdruck eines Traumas, wird nicht hinreichend belegt. Es erscheint dem Ausschuss unzureichend, diese Behauptung in dieser Ausschließlichkeit allein aus der Tatsache abzuleiten, dass der Beschwerdeführer sich als Traumaberater/Traumatherapeut bezeichnet. Zulässigerweise kann daraus nur darauf geschlossen werden, dass Homosexualität Ausdruck eines Traumas sein kann.

Ob man sich gleich die nächste Rüge einfängt, wenn man behauptet, damit mache sich der Presserat zum Büttel von Wüstenstrom?

Auf die zentrale Behauptung von Wüstenstrom geht der Presserat allerdings gar nicht direkt ein. Der Verein hatte mokiert:

Im Wesentlichen sei die gesamte Grundaussage des Artikels falsch. So wurde nicht versucht, Schwule von ihrer Homosexualität zu „befreien“.

schreiben die prominentesten deutschen Vertreter der Ansicht, man könne von Homosexualität „geheilt“ werden. Die Rechtsvertretung der ZEIT argumentiert:

Zur Äußerung ,,Zum Glück sei sie nicht genetisch bedingt und damit heilbar“, müsse sich der Beschwerdeführer daran festhalten lassen, dass der Verein es nach Eigendarstellung für möglich halte, ,,sexuelle Orientierungen zu verändern“.

Was den eigentlichen Skandal darstellt, denn natürlich ist mit den „sexuellen Orientierungen“ nur eine sexuelle Orientierung gemeint, die homosexuelle. Oder glaubt jemand im Ernst, Wüstenstrom würde einem Heterosexuellen, der angibt unter seiner sexuellen Orientierung zu leiden, Hilfe bei der Veränderung hin zur Homosexualität anbieten?

Update: Es gibt jetzt eine Stellungnahme der Veranstalter, die mit den Worten endet, man sei gegen jede Form von Intoleranz, von welcher Seite auch immer sie vorgetragen wird. Eine merkwürdige Weltsicht ist das: Wer sich gegen Intoleranz zur Wehr setzt, wird flugs selbst der Intoleranz bezichtigt.

5 Antworten zu “Wüstenstrom: Wahrheit und Wissenschaft”

  1. Psychiater 23. August 2007 um 19:01 #

    Protestbriefe können geschrieben werden an:

    sylvia.blebann@aon.at (sekretariat der öst. Psychiatriegesellschaft)
    hans-peter.kapfhammer@klinikum-graz.at (Kongressveranstalter)
    raphael.bonelli@klinikum-graz.at. (der opus dei -nahe psychiater und hauptakteur)
    wolfgang.fleischhacker@uibk.ac.at (sehr bekannter psychiater m,it gutem ruf, der den kongress unterstützt, aber möglicherweise „abspringt“).

  2. psychiater 28. August 2007 um 13:09 #

    stellungnahme zur „stellungnahme“ der veranstalter, die nunmehr herausgegeben wurde (siehe deren webseite)

    Die Veranstalter geben an, nicht gewußt zu haben, daß Herr Hofmann von Wüstenstrom ist. Es klingt unglaublich, daß bei Referenten nicht ein gewisser Background-Check staffindet, bevor man sie reden läßt…?
    Wie auch immer, die Veranstalter geben an, jetzt Wüstenstrom auf deren Webseite geprüft zu haben, und dort sei nichts Unethisches zu finden.
    Das läßt einige Fragen offen, was die Veranstalter als unethisch empfinden…
    die Veranstalter fordern „Toleranz“ von allen Seiten und verweisen darauf, daß man wohl frei diskutieren wird dürfen. Damit werfen sie Kontrahenten von Wüstenstrom und Konversionstherapie „Intoleranz“ vor.
    Ein zynisches Argument – und leicht zu durchblicken.
    Die Taktik, „alles zuzulassen“ unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit gilt eben nur dort: für die Meinungsfreiheit.
    Durch die Einladung dubioser Referenten auf einen wissenschaftlichen Kongreß gibt man diesen ja wissenschaftliche Legimitation….!
    Es MUSS in solchen Fällen klare Stellungnahmen und Abgrenzungen geben – aber dies scheint bei diesem Kongress ja überhaupt nicht erwünscht – man hat immerhin auch einen Exorzisten eingeladen und einen Psychiater, der mit diesem zusammenarbeitet…..und läßt diese vortragen.

    am lächerlichsten ist der Hinweis, daß der Workshop
    ja „nur für 30 Teilnehmer“ ist, und daher eh nur so klein und unwichtig, man möge doch nicht den ganzen Kongress deswegen verdammen.

    Was ist das für eine Art von Argumentation?
    Sorry, wir stinken eh nur aus der Hose, sonst nicht, man merkt’s ja eh kaum????

  3. Damien 28. August 2007 um 13:17 #

    Siehe auch den link auf die Stellungnahme im update zu Beginn des Artikels – danke für die ausführliche Kritik! Einige angefragte Gruppen haben es offenbar abgelehnt, sich öffentlich kritisch zu dem Kongress zu äußern, u.a. die Grazer Grünen. Zur Begründung hieß es, man wolle Wüstenstrom keine unnötige Aufmerksamkeit zukommen lassen, am Ende erreiche man damit nur, dass öffentlich darüber debattiert würde, ob Homosexualität heilbar sei und eben diese Diskussion müsse vermieden werden. Komisches Argument: Es führt dazu, dass Wüstenstrom ungehindert agieren kann.

  4. Franz 26. September 2007 um 22:30 #

    Wüstenstrom( Hoffmann) haben die Teilnahme am Kongress abgesagt. Der Druck wurde offenbar zu stark. So hat. z.B. der sozialdemokratische Landehauptmann Vowes mit dem Verzicht des Ehrenschutzes gedroht, sollte Hoffmann bleiben. Hier hat der Protest doch mehr gewirkt.
    Wüstenstrom hätte die Teilnahme sicher als wissenschaftliche Untermauerung der Heilungstheorie verwertet. das würde speziell auf im Outingprozess befindliche religiöse Menschen den moralischen Druck weiter verstärken.
    Nun wird von Hoffmann die „mächtige Schwulenlobby“ für die Absage verantwortlich machen.

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,505764-2,00.html

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  1. Das Netzwerk der Evangelikalen « Steven Milverton - 23. März 2009

    […] will’s wieder wissen: Nach den Rückzügen von Graz und Bremen versucht man es diesmal in Marburg, beim 6. Internationalen Kongress für Psychotherapie […]

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