Outing als Lebensinhalt

19 Sep

Mike Rogers hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, bigotten Schwulenhassern in den USA das Leben schwer zu machen. Dreiunddreißig Politiker, die berüchtigt für ihre Opposition gegen Schwulenrechte bzw. Homosexualität an sich sind, hat er bereits geoutet und ihre heimlichen sexuellen Eskapaden mit Männern öffentlich gemacht. Zuletzt erwischte es den republikanischen Senator Larry Craig. Wir erinnern uns, dieser

hatte sich auf einem Flughafenklo beim mutmaßlichen Anbandeln mit einem Undercover-Cop erwischen lassen. Er unterschrieb ein Geständnis, widerrief es dann wieder, kündigte aber trotzdem auf Druck der Partei an, seinen Posten aufzugeben. Bei all dem dementierte er beharrlich, schwul zu sein.

Rogers selbst hat mit penibler Vorarbeit wesentlich dazu beigetragen, Larry Craig vom moralisierenden Thron zu stürzen:

Dass hinter seiner [Larry Craigs] konservativen Fassade möglicherweise mehr stecken könnte, hatte Rogers schon im Sommer 2004 gehört. Da habe sich ein Mann bei ihm gemeldet und behauptet, mit Craig Sex gehabt zu haben.

Mehr als zwei Jahre hielt Rogers, 43, das Gerücht still zurück. In der Zeit sammelte er weitere Erkenntnisse. Anonyme Quellen lieferten ihm neue Indizien. Schließlich outete er Craig im Oktober 2006 auf seinem Blog „BlogActive“ und in einer Radioshow – auf dem Höhepunkt eines anderen Schwulensex-Skandals um einen Republikaner, den damaligen Abgeordneten Mark Foley.

[…]

Im Juni konfrontierte Rogers Craig mit den Vorwürfen; dieser stritt abermals alles ab. Kurz darauf ereignete sich die unselige Toiletten-Episode.

Die Frage ob ein Outing denn überhaupt moralisch legitim sei, beantwortete Damien auf diesem Blog bereits vor einiger Zeit mit einem klaren „Nein“:

Selbst jemand, der sich öffentlich gegen Schwule äußert, hat m. E. ein Recht auf Privatleben. Was er argumentativ gegen Homosexualität auffährt, sollte man zerlegen. Mehr aber auch nicht. Denn was ändert sich an der notwendigen Argumentation durch die sexuelle Orientierung des Schwulenhassers? Nichts. Und was ist gewonnen, wenn er heterosexuell ist? Genau: Nichts. Schließlich: Was will man dem Publikum eigentlich mit der Information nahelegen, dass der Schwulenhasser selber ein Homo ist? Irgendwie spielt man hier doch wohl mit dem Gedanken, dass der eine oder andere […] Schwule doof findet und die Denunziation – denn um eine solche handelt es sich hier ganz offensichtlich – insoweit auf fruchtbaren Boden fällt.

Und auch die Effektivität der Methode von Mike Rogers, durch Zwangsouting der homophoben Agenda bestimmter Personen oder Organisationen Schaden zuzufügen, muss bezweifelt werden. Denn ideologisch verborte Schwulenfeinde werden aus einer Affäre, wie der um Larry Craig, lediglich ihren Standpunkt bestätigt sehen, dass Homosexualität ein verführerisches und gefährliches Gift sei, vor dem nicht mal moralisch anständige und rechtschaffene Menschen gefeit sind:

Gay-rights opponents will spin the story as further evidence of homosexuality’s sordid nature, not to mention its vicious power. After all, if seemingly God-fearing men like Ted Haggard and Larry Craig can succumb to such behavior, who among us is safe?

Ideologisch verborte Schwulenfeinde lassen sich eben nicht so leicht bekehren. Für sie ist ihre Welt genau dann wieder in Ordnung, wenn der des schwulen Sex‘ überführte Sünder reumütig in den Schoß der Gemeinde zurückkehrt. Genau so hat es ja auch Ted Haggard gemacht, der in Folge seines schwulen Sex-Skandals zwar von seinem Posten als Prediger zurücktrat, die Standpunkte seiner evangelikalen Kirche zur Homosexualität aber weiterhin hochhält.

6 Antworten zu “Outing als Lebensinhalt”

  1. Christian Hoffmann 19. September 2007 um 03:19 #

    Ich halte solche gezielte Outing-Aktionen für sehr begrüssenswert. Es gibt mindestens 3 mögliche Begründungen, die für diese Aktionen sprechen:

    1. Die übliche etatistische Begründung: Wir wählen Repräsentanten, die an unserer Stelle über die Regierung des Landes und damit unserer Personen bestimmen. Menschen, die für ein politisches Amt kandidieren, begeben sich damit bewusst in eine öffentliche Sphäre, in der neben ihrer „Sachkompetenz“ auch ihre persönliche, menschliche oder moralische Eignung für die Übernahme dieser nicht unbedeutenden Macht beurteilt werden kann und soll. Die genannten Personen sind nun offensichtlich verlogen und nicht vertrauenswürdig. Dies ist ein Umstand, den zu erfahren die Wähler ein Recht haben.

    2. Die libertäre Begründung: Mit meinem Eigentum darf ich stets behaupten, was ich will – sei es, dass A besonders hübsch oder intelligent, besonders dumm oder hässlich, oder eben auch besonders schwul sei. A hat kein Recht auf einen gewissen Ruf, er hat auch kein Recht auf eine Unterlassung von Meinungsäusserungen meinerseits. Also sind derartige Outings in jedem Fall legitim.

    3. Der gesunde Menschenverstand: Homosexualität ist nicht nur völlig normal, sie ist auch nichts, dessen man sich schämen muss. Die Behauptung, X sei schwul oder lesbisch ist daher ebenso unbedenklich, wie die Behauptung, X sei blond. Beide können, müssen aber nicht widerlegt werden. Beide stellen keinen Angriff oder gar eine Beleidigung dar. Warum um alles in der Welt sollten sie also unterlassen oder gar verurteilt werden?

    Die „Gay Rights“-Bewegung hat schon viele verschiedene Phasen durchlaufen, in denen jeweils unterschiedliche Formen des Aktivismus angebracht und notwendig waren. Es gab dabei immer mehr oder minder radikale Aktivisten. Meist waren es jedoch die radikaleren, die im Nachhinein als die Helden der Bewegung anerkannt wurden. Ich glaube, dass Aktivisten wie Rogers in absehbarer Zeit zu diesen mutigen Vorkämpfern gezählt werden.

  2. Sebastian 19. September 2007 um 09:44 #

    Niemand sollte gegen seinen Willen geoutet werden, es sei denn ein Schwuler setzt seine Macht dafür ein, Schwule zu bekämpfen und deren Rechte zu untergraben.

    Schwule Schwulenhasser sollte man auch in Zukunft eiskalt hochgehen lassen.
    Entscheider, die sich neutral verhalten, sollte man in Ruhe lassen.

  3. Primus 19. September 2007 um 19:34 #

    Die Ausführungen von Christian und Sebastian bieten überzeugende Gründe. Aber Hemmschwellen sind bei mir noch vorhanden.
    Ende 1991 wählte die „Bunte“ Rosa von Praunheim zum „Verräter“ des Jahres. Die „Bild“ schrieb „Pfui Rosa!“ und der „Stern“ schrieb über die „Scheinheiligkeit des Starschwulen Rosa von Praunheim“. Ausgelöst wurden diese Schlagzeilen dadurch, dass v. Praunheim in der RTL-Sendung „Der heiße Stuhl“ über die Homosexualität von Hape Kerkeling und Biolek ohne deren Einverständnis redete. Er forderte sie als Sympathieträger im Showgeschäft auf, aus ihrem Versteck zu kommen und endlich mitzuhelfen, die Vorurteile gegen Schwule in der Gesellschaft abzubauen.
    In seinem Buch“50 Jahre pervers“ begründet R.v.Praunheim sein Vorgehen wie folgt: „Homosexualität ist Privatsache wird argumentiert. Nein! Schwul- oder Lesbischsein ist so lange keine Privatsache, wie wir dafür zusammen-
    geschlagen werden und aus unseren Jobs und Wohnungen fliegen, solange junge Schwule immer noch mit Selbstmordgedanken aufwachsen und ihr Leben lang neurotisch werden. Sexualität ist keine Privatsache, solange alle Zeitungen dieser Welt, alle Romane der Weltliteratur, alle modernen Medien mit größter Neugierde im heterosexuellen Privatleben schnüffeln – Homosexualität aber ignorieren. Diese Doppelmoral kann nur aufhören, wenn jeder offen zu seiner Sexualität, seiner Perversion stehen kann, ohne von Staat, Kirche oder Moralapostel bewertet zu werde.“

  4. Sergej 20. September 2007 um 16:40 #

    Ich bin auch ein großer Befürworter von Outing-Aktionen – insbesondere inbezug auf CDU/CSU-Politiker!!!

  5. Damien 20. September 2007 um 20:25 #

    @ sergej: Warum nun gerade in Bezug auf die?

  6. Sebastian 15. Juni 2008 um 17:45 #

    Schwule CDU/CSU-Politiker? Nichts leichter als das: http://www.lsu-online.de/

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