Lesen und lachen

29 Apr

Nun bin ich fertig mit Stadler. Und es wurde nicht besser. Eher schlimmer. Wer braucht solche Wahrheiten?

Sie war nämlich, aufgrund eines solchen Vaters und solcher Erfahrungen, für eine gute Zeit lesbisch geworden, was Roland verstand, und wollte von solchen Männern nichts mehr wissen, von solchen Vätern und Männern. (Stadler, 362).

Falls Ihnen solche Sätze auch eher die Laune verderben, geben sie Acht, denn Literatur ist nicht zur Erbauung gedacht, wie Stadler seinem Roland in den Mund legt:

Aber warum muss es immer so traurig sein?, fragten ihn nachher despotische Zuhörer, Menschen, die anscheinend getröstet sein und auch noch lachen wollten. (373)

Lachen? Ja geht’s noch? Überhaupt ist das Weltbild von Stadler erschreckend eindimensional:

Eines Tages, er hatte längere Zeit überhaupt nichts gehört von Jim, war ein Brief gekommen mit einem Foto, das Jim als stolzen Vater zeigte. Immer hatte er dieses verwegene, nach oben zeigende Kinn mit jenem reizenden Grübchen in der Mitte von allem, als sollte das Harte auf diese Weise weich gemacht werden. Mit dieser Regung, sich zu verewigen, stand er da wie in einem Shakespeare-Sonett, als ginge es ewig so weiter. Und auf seinen Armen trug er nun einen Sohn, James III. Es fehlte nur noch die amerikanische Flagge. (384)

Und, was lernen wir daraus?

Auf diesem Foto war er ganz und gar hetero, mehr ging nicht, er war zu hundertfünfzig Prozent in die Fußstapfen seines Vaters getreten. (385)

Herr Stadler: Noch nie was von schwulen Vätern gehört? Das gibt es, „sogar“ würden Sie an dieser Stelle sicher ergänzen, in Amerika. Und nicht jeder Schwule boykottiert die Flagge seiner Heimat. Aber die USA sind Ihnen ja sowieso suspekt:

Da Jim und Caroll auch noch etwas getrunken hatten, was auch in den USA zu Hause nicht verboten war, (…) (390)

obwohl, Stadler, Sie an dieser Stelle am liebsten ein „noch“ nicht eingefügt hätten, man weiß bei Amerika ja nie, was noch kommt, nicht wahr? Nur das eine, das weiß man, wenn man die Weisheit so mit Löffeln gefressen hat, wie Sie:

Die Weltgeschichte würde weitergehen, und er würde daran nicht das Geringste ändern können. Im Irrglauben an die Schönheitsoperation tröstet sich ja der Mensch, der es sich leisten kann, über seine eigene Zukunft hinweg. (392)

Ist eben alles eine Frage des Geldes, Stadler. Nur den Tod, den gibt es umsonst. Den Kalauer haben Sie aber verpasst. Merkwürdig, wo Sie doch sonst keinen ausgelassen haben.

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