Das zweite Paradies

25 Dez

Gastbeitrag von Anand Buchwald

Ein schwieriges und in vielerlei Hinsicht bewegtes Jahr geht zu Ende, und es ist jetzt schon abzusehen, dass das neue Jahr viele Veränderungen und Turbulenzen mit sich bringen wird. Vom Oberhaupt der katholischen Kirche würde man erwarten, dass es sich im Geiste Jesu für Liebe, Verständigung und Zusammenarbeit einsetzt und Einheit über Zwietracht, Zank und Streit stellt. Doch statt dessen ruft der Pontifex im Namen eines ominösen Naturrechts zu einem Kulturkampf gegen die Anzeichen eines Wandels und gegen die menschliche Evolution auf.

Darum gibt es hier eine alternative Weihnachts- und Neujahrsansprache, die hoffentlich ein wenig vom Geiste Jesu und von Gottes Absichten vermitteln kann:

Wir leben in einer Welt des stetigen Wandels von Wirtschaft, Technologie, Politik, Gesellschaft und Bewusstsein. Spätestens mit Beginn der industriellen Revolution haben sich Geschwindigkeit und Richtung des Wandels dieser Bereiche sehr unterschiedlich entwickelt und zu einem Eigenleben geführt, das in Richtung Egoismus, Autismus und Soziopathie und damit Aufspaltung und Uneinigkeit weist. Für unsere gemeinsame Zukunft auf diesem Planeten ist es wichtig, dass wir zu Liebe, Verständnis, Einheit und Zusammenarbeit finden, um diese voneinander wegführenden Bestrebungen zu heilen.

In den Anfängen der Menschheitsgeschichte hat die Religion mit ihren strengen Regeln dazu beigetragen, das Tier im Menschen zu disziplinieren und zugunsten eines edleren Menschen zurückzudrängen und so die Zivilisierung des Menschen zu unterstützen. Ob es einen Gott gibt, kann man mit rationalen Mitteln weder beweisen noch widerlegen, aber wenn er existiert, dann muss notwendigerweise alles aus ihm entstanden sein, dann ist nicht nur unser winziger Planet mit seinen paar Milliarden Menschen aus ihm entstanden und in ihn eingebettet, sondern das gesamte Universum mit seinen ungezählten Galaxien, den unzählbaren Sonnensystemen und den unfassbar vielen Lebewesen, die dort draußen existieren mögen. All das ist Teil von ihm, und der Schluss liegt nahe, dass da noch wesentlich mehr von ihm ist, das für unsere wissenschaftlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten nicht erfassbar ist. Und gleichzeitig kann man sagen, dass Gott in allem, was existiert, präsent ist.

Wenn wir uns nun Gott vorstellen, dann reduzieren wir ihn auf ein Maß, auf eine Größe, die unserer Bewusstseinsentwicklung entspricht. Und wenn sich Gott uns offenbart, dann muss dies offensichtlich ebenfalls in diesem Maß geschehen, damit wir überhaupt etwas verstehen können, denn Gott ist immer und zu jeder Zeit mehr, als wir erfassen oder die Religionen über ihn wissen können. Von der Vielfalt der Religionen im Verlauf der Zeit und auf unserem Planeten sind viele rein menschliche Konstrukte. Andere mögen durchaus einen göttlichen Kern haben, der auf eine Offenbarung zurückgeht. Die Religionen, die aus diesen Offenbarungen entstanden sind, spiegeln Aspekte des Göttlichen wider, die entweder vom Göttlichen an das Verständnisvermögen und die Bedürfnisse des Empfängers angepasst wurden, oder für die der Empfänger offen war. Die Ausformulierung ist aber immer eine Übersetzungsarbeit des Empfängers, entspricht dessen Bewusstseinsstand und Vorlieben und ist entsprechend fehlerbehaftet und in seiner Natur temporär.

Und wenn man etwa nur die Bibel betrachtet, so kann man darin eine Evolution unseres Gottesbildes wiederfinden. Im Alten Testament drückt sich die Bemühung aus, die Idee des Monotheismus im Bewusstsein zumindest eines Volkes zu etablieren und zu verankern und die menschliche Natur zu disziplinieren und zu läutern. Nachdem dies hinreichend geschehen war und die Menschen im Bewusstsein gewachsen waren, erfolgte durch Jesus eine weitergehende Offenbarung, in welcher der Aspekt der Liebe im Vordergrund stand. Nach kurzer Blüte entstand aus dieser Offenbarung ein Religionsgebäude, das sich schnell von seinem Ursprung löste und ein institutionelles Eigenleben entwickelte, das damit nicht mehr viel zu tun hatte. Aber wie durch ein Wunder blieb über die Jahrtausende hinweg die zentrale Botschaft erhalten: Liebe Gott und deinen Nächsten. Und wenn wir mehr von Gott wollen, wenn wir ihm näher kommen wollen – und das Gebot der Gottesliebe ist eine Aufforderung dazu – dann müssen wir uns endlich einmal ernsthaft an die Verwirklichung dieser Botschaft machen.

Wenn man nun die irdische Entwicklung betrachtet, so ging sie, ob nun über eine eigenständige Evolution oder durch Gott gesteuert, von ungeschlechtlichen Einzellern aus, welche die Grundlage für alles höhere Leben auf Erden bildeten. Nach einiger Zeit bildete sich aus Gründen der genetischen Vielfalt eine geschlechtliche Differenzierung in weiblich und männlich aus. Und damit Weibchen und Männchen zusammenfinden, entstand die Triebfeder der Sexualität. Auf der Ebene der Fauna ist die sexuelle Vereinigung der erste Ausdruck der Liebe. Im Zuge der Weiterentwicklung entstand als dauerhafteres soziales Element und versteckter Ausdruck der Liebe der Herdentrieb, der ein Gegengewicht zum natürlichen, aber trennenden Egoismus des Einzelnen bildete und die Einzelnen zusammenhielt und die Grundlage für die Entwicklung komplexerer sozialer Gefüge bildete. In diesen begann die Sexualität langsam ihre zwanghafte Note und die alleinige Bindung an die Fortpflanzung zu verlieren und eine soziale und zunehmend bewusste Komponente hinzuzugewinnen und als weiteres Bindemittel bei der Formung von Gemeinschaft zu fungieren.

Der Mensch ist das bisherige Endprodukt dieser Entwicklung, und das Wirken der Religionen hat lange Zeit mitgeholfen, das tierische Element, die Instinktnatur und den Egoismus zurückzudrängen und so im Menschen die Vernunft und die Fähigkeit zur bewussten Vereinigung und Liebe hervorzulocken und zu festigen und ihren Ausdruck in der Paarbildung und der individuellen Liebe zu ermöglichen, die ihren Höhepunkt dann in dem Ideal der Liebe in der Romantik fand.

Die Einführung der Geschlechtlichkeit und des Sexualtriebes hat allerdings auch zu einem trennenden Element geführt: dem Egoismus und der Rivalität zwischen Geschlechtsgenossen. Als Beispiel dafür, dass diese Trennung überwindbar ist und auch als vermittelndes Element zwischen den Geschlechtern, tauchte in der Evolution in der höheren Natur zunehmend die Homosexualität auf.

Das Gebot der Nächstenliebe besagt nun nicht, dass man nur den gegengeschlechtlichen Nächsten lieben sollte und am besten gleich mehrere davon, sondern dass man sich um jeden Menschen bemühen sollte, denn jeder Mensch ist unser Nächster. Das Gebot der Nächstenliebe zielt darauf ab, dass die Menschen nicht durch Zwang und gegen innere Widerstände zueinander und zu einer innigen und religiöse, politische und soziale Grenzen überschreitenden globalen Gemeinschaft finden sollten, sondern aus dem inneren Wunsch nach Nähe und Liebe. Und diese Entwicklung wäre dann auch der Wegbereiter zu einer wachsenden Liebe zu Gott, denn zum einen ist Gott in Form der individuellen Seele in jedem Menschen präsent, und Liebe ist Ausdruck eines seelischen Austausches, einer seelischen Beziehung und führt uns dadurch näher zu Gott, und zum anderen ist die Liebe ihrer Natur nach offen zu mehr Liebe (soweit wir dieses Mehr ertragen und halten können) und strebt nach höherer und reinerer Liebe, so dass sie sich, wenn sie sich mehrt, automatisch dem Göttlichen zuwenden wird.

Dieser inneren Einheit steht allerdings das ursprünglich fördernde Element der geschlechtlichen Aufspaltung im Weg, denn wenn man, wie in der niederen Natur, in den Vertretern des gleichen Geschlechts eher Rivalen sieht oder diese als uninteressant oder störend abtut, kann man ihnen nicht näher kommen. Dabei geht es nicht primär um den sexuellen Ausdruck, der je nach individueller Konstitution statt finden kann oder auch nicht, sondern darum, dass die in unserer modernen Gesellschaft allgegenwärtige und durch die Religionen tatkräftig angefachte Homophobie uns daran hindert, Gefühle für Vertreter des gleichen Geschlechtes jenseits einer gewissen Grenze und institutionalisierter Beziehungen zuzulassen oder überhaupt auch nur in Erwägung zu ziehen. So ist Freundschaft ihrer Natur nach ein mal schwacher, mal starker Ausdruck von Liebe, in den man aber, durch diese Grenzen, nicht wirklich eintauchen kann, so dass dieses trennende Element bestehen bleibt.

Gott – oder die Evolution – hat uns eine große Vielfalt an Ausdrucks- und Entwicklungsmöglichkeiten beschert, individuell, sozial und global. In uns wartet der wahre Mensch darauf, seinen Anteil an der Tiernatur zugunsten seines höheren Selbst und größerer Nähe zu Gott stufenweise ablegen zu können und zu wahrer Menschlichkeit und wahrem Mensch-sein zu erwachen. Wenn wir diese innere Freiheit erreichen könnten, so zu sein, wie es unserer individuellen Natur entspricht, und nicht dem trennenden faschistischen Ideal einer äußerlichen wie innerlichen Gleichmacherei folgen zu müssen, dann wären Nächstenliebe und wahre Gemeinschaft kein Problem für uns, sondern ein ganz natürlicher Ausdruck unseres Seins, dann hätten wir keine Probleme mit Wirtschaftskrisen, Machtspielen, Kriegen und Elend. Wir könnten uns statt dessen auf das zweite Paradies zubewegen, das kein unbewusstes Paradies mehr ist, sondern eines des bewussten Seins und der bewussten Liebe und der bewussten und gewollten Nähe zu Gott.

Weihnachten ist das Fest des inneren Lichtes und der Liebe. Wenn wir dieses Licht und diese Liebe in uns zu entfachen vermögen, dann brauchen wir vor dem kommenden Jahr des Wandels keine Furcht zu haben, dann hat dieser Wandel die Möglichkeit, die Welt zum Guten zu verändern. 

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