Stell Dir vor, es war Krieg und keiner hört hin

6 Jan

Was dem rechten Konservativen der Untergang des christlichen Abendlands ist, ist dem linken Konservativen das mangelhafte Geschichtsbewußtsein der schwulen Bewegung. Den Beweis dafür liefert Elmar Kraushaar in der taz mit einer Erinnerung an einen verpassten Grund zum Feiern. Hierfür wird zunächst einmal die deutsche Sprache von allem neumodischen Quatsch bereinigt:

Nicht Homo- oder Homophilenbewegung, nichts mit Bürgerrechten und erst recht nichts Queer-LGBT-Korrektes, nur schwul, ganz einfach schwul.

Nun gut, die folgenden Beispiele sprechen der eigenen These zwar Hohn, aber was schert das Herrn Kraushaar? Und so verweist er munter auf

Praunheims und Danneckers Film „Nicht der Homosexuelle [sic!] ist pervers …“,

wie auf die

Gründung der HAW, der „Homosexuellen Aktion Westberlin“[Hervorh. von mir, Damien]

Nach dieser Rettung der deutschen Sprache vor inkorrektem Englisch ist es ganz wichtig, zu erklären, dass man Westerwelle nicht mag. Das ist wenig originell – wer mag schon Westerwelle? – , aber wenn man sich damit in die (deutsche) Mehrheit einreihen kann, wird ein Kraushaar doch nicht abseits stehen.

Tja, die Erinnerung an diese wilden Aufbruchjahre – die das Wörtchen „schwul“ in den Bundestag und in die „Tagesschau“ brachten und der Stadt Berlin einen schwulen Bürgermeister und dem ganzen Land einen schwulen, aber unsympathischen Außenminister bescherten – hätten gefeiert werden können in diesem Jahr, aber kaum jemand nahm die heroischen Termine zur Kenntnis.

Dabei hätte die Erinnerung an den deutschen Krieg so schön sein können. Dumm nur, dass kaum einer sie drucken und niemand sie lesen wollte. Das mit dem Krieg finden sie jetzt übertrieben? Ich auch, aber die Formulierung stammt nicht von mir, sondern von Kraushaar. Ehrlich:

In den Mainstream-Medien kamen sie so selten vor wie in der schwulen Presse, und den Junghomos gehen die Erzählungen der alten Säcke vom Krieg genauso am Arsch vorbei wie den Frauen von heute die Mahnungen ihrer feministischen Vorfahren.

Wenn die Ergüsse der alten Säcke am Arsch der Jungen vorbei gehen statt mitten in sie hinein, wie es sich laut schwul-revolutionärem Drehbuch vermutlich zu verhalten hätte, dann fehlt für eine wahrlich deutsche Litanei eigentlich nur noch der Verweis auf den schnöden Mammon. Kraushaar liefert auch hier. Zuverlässig:

Ein paar HAW-Männer und Frauen, nur wenige wie damals und immer noch so aufrecht wie damals, trafen sich am 1. Dezember im Berliner Schwulenzentrum, dem SchwuZ, einem der angesagtesten Clubs der Hauptstadt. Das leckere Buffet und die vielen Getränke hatten die Macher des profitablen SchwuZ spendiert – manchmal wissen junge Leute doch, was sich gehört -, mit Hinweis darauf, dass ohne diese schwul-lesbische Elterngeneration ihre Partylocation nicht denkbar sei. [Hervorh. von mir, Damien]

Profitabel! Und schwul! Bah! Wo man damals angetreten war,

voller revolutionärem Pathos, bereit, die kapitalistische Gesellschaftsordnung zu stürzen und alle Klappen in die Luft zu sprengen.

Dumm nur, dass diese in der Zwischenzeit kaum noch zu etwas anderem als ordinärer Blasen- und Darmentleerung genutzt werden, weil immer mehr Schwule etwas Schöneres zu tun haben, als auf stinkenden Toiletten im öffentlichen Raum ihre sexuelle Notdurft zu verrichten. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

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3 Antworten to “Stell Dir vor, es war Krieg und keiner hört hin”

  1. Omti 6. Januar 2012 um 23:46 #

    Voll schwul ey…
    Regt der Typ sich jetzt im Ernst darüber auf, das homosexualität in der Gesellschaft angekommen ist und man nicht mehr die notwendigkeit für gesonderte schwule Aktionen sieht?

  2. Adrian 7. Januar 2012 um 15:18 #

    Die Revolution frisst ihre Elmars 😉

  3. bajazbasel 7. Januar 2012 um 16:03 #

    Die Väter der Schwulenbewegung mussten sich die Hilfsmittel zur eigenen Rettung vor dem bürgerlichen Mief bei Heterosexuellen beschaffen. Heute haben wir ein grosses Archiv und viele Erinnerungen selber zusammengetragen. Und wir graben noch vieles unserer schwulen Vorväter aus… Darauf könnten die Junghomos aufbauen.

    Wenn nämlich jede Generation das Schwulsein neu erfindet, wird sie nie auf einen grünen Zweig kommen. Was sie dann damit macht, ist ihre Sache. Nur: wer keine Vergangenheit hat und damit auch keine Geschichte, der hat auch keine Zukunft. Das sollten die Bürger der Bundesrepublik eigentlich ganz genau wissen und davon sind die Schwulen nun mal nicht ausgenommen. Wir können nicht zugleich hetreolike sein und glauben, wir könnten trotzdem jeder bei Null anfangen…

    Allein schon der Blick auf die Kulturen der Welt und ihr Umgang mit der Männerliebe ist es wert, sich nicht in die heterosexuellen Arme zu werfen und dann zu verschwinden! 😛

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