Verkleiden verboten

16 Jul

Im ostdeutschen Rostock scheint manch ein Verwaltungsbeamter Sehnsucht nach den guten alten Zeiten der deutsch-sowjetischen Freundschaft zu haben. Denn anders als eine Anbiederung an Putin kann man die Entscheidung des dortigen Ordnungsamtes kaum verstehen, wonach beim diesjährigen CSD ganz spezielle Auflagen zu beachten sind:

Das Ordnungsamt hat unter anderem verboten, Bänke aufzustellen und Getränke zu verkaufen. Das Abspielen von Musik ist ebenfalls untersagt, nur leise Redebeiträge bis 60 Dezibel sind gestattet. Außerdem darf niemand sich so verkleiden, dass sein Geschlecht nicht mehr zu erkennen ist – ein bislang einmaliges faktischen Drag-Queen-Verbot.

Angesichts des Rostocker CSD-Mottos 2013 „Familie ist Vielfalt – denn auch wir sind gute Eltern“ wirkt zudem das Verbot des Aufstellens von Hüpfburgen besonders skuril. Ein Kommentator bei queer.de kann seine Freude über die erteilten Auflagen dennoch nicht verhehlen:

Wenn diese Auflagen eingehalten würden, hätte der CSD Rostock die Chance, der einzige ernst zu nehmende CSD in Deutschland zu werden. Die anderen CSDs sind inzwischen zu Klamauk und Karneval verkommen. Rostock könnte ein Zeichen setzen und zu den politischen CSDs der Anfangszeit zurückkehren.

Okay, als Purist könnte man sich an den Hüpfburgen ebenso stören wie an den möglicherweise mit Spießigkeit assoziierten Bierbänken. Den Verkauf von Getränken mag man zu kommerziell finden ebenso wie das Abspielen von Musik zu technisch. Aber das Verbot von Verkleidungen, die das Geschlecht des Tragenden nicht mehr erkennen lassen, als Rückkehr zum Ursprung zu verklären? Hallo, geht’s noch? Schon mal was davon gehört, wer damals in der Christopher Street die riots gestartet hat?

Das Rostocker Ordnungsamt hatte in der Zwischenzeit übrigens ein Einsehen und hat die Auflagen mit einer Ausnahme wieder kassiert. Man darf sich jetzt wieder setzen und trinken, nicht selbstgemachte Musik hören und sogar verkleiden ist erlaubt. Nur Alkohol, der bleibt verboten. Ein wenig Reminiszenz an Wladimir musste anscheinend einfach sein. Obwohl in dessen Reich bisher nur der nächtliche Alkoholkauf verboten ist. Und kluge Kapitalisten auch dafür bereits die eine oder andere Lösung gefunden haben.

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