Merkels Bauchgefühl

15 Sep

Die Entrüstung des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD) über die Äußerungen Angela  Merkels in der „ARD Wahlarena“ kann ich nicht ganz nachvollziehen. Merkel äußerte sich in der Sendung am vorherigen Montag folgendermaßen:

„Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich mich schwertue mit der kompletten Gleichstellung (…) Ich bin unsicher, was das Kindeswohl anbelangt“, hatte die Kanzlerin geantwortet, nachdem ein homosexueller Mann Merkel mit dem Nein ihrer CDU zur vollen Gleichstellung von Homo-Paaren bei Adoptionen konfrontiert hatte.

Ich finde diese Antwort sympathisch. Und zwar nicht, weil ich Merkels „Bauchgefühl“ teilen würde, sondern weil ich es für eine ehrliche und authentische Entgegnung halte. Immerhin: Merkel kolportiert nicht, dass sie grundsätzlich gegen ein Adoptionsrecht, sondern in dieser Hinsicht „unsicher“ ist. Und darauf kann man doch aufbauen.

Machen wir uns nichts vor: Jenes „Bauchgefühl“ Merkels werden in diesem Lande eine ganze Reihe Menschen haben. Man frage diesbezüglich nur mal seine Freunde, Bekannten, Arbeitskollegen – gerne auch unter den Homos in diesem Kreise. Was würde es bringen, diese „Bauchgefühle“ zu negieren? Was würde es bringen, jeden mit diesem „Bauchgefühl“ in eine rechte Ecke zu schieben, wie es sich auch der LSVD nicht verkneifen kann?

Bundeskanzlerin Merkel dagegen stützt sich allein auf ihre persönlichen Vorurteile. Oder schielt sie darauf, ein paar rechtspopulistische und reaktionäre Wähler von sich zu überzeugen? Beide Motive sind keine guten Grundlagen für eine verantwortliche Politik.

„Rechtspopulistisch“ und „reaktionär“ sind natürlich wunderbare Floskeln, bestens dazu geeignet, sich in die Schützengräben einzubuddeln, und mit heruntergeladenem Visier, dem als Menschenfeind identifizierten Gegner keinen Fußbreit nachzugeben.

Doch ist jeder, der ein wenig Bauchschmerzen hat bei dem Gedanken, Schwulen und Lesben Kinder adoptieren zu lassen, gleich „reaktionär“? Darf ich mich vor diesem Hintergrund ebenfalls als „reaktionär“ bezeichnen, weil es noch gar nicht so lange her ist, dass ich mich zu diesem Thema lieber nicht geäußert habe, weil mir der Gedanke, dass zwei Männer gemeinsam ein Kind aufziehen, ebenfall merkwürdig vorkam (wobei interessant ist, dass ich dieses Gefühl beim Gedanken an zwei Frauen nicht hatte)?

Nur, damit ich nicht missverstanden werde: Ich teile Merkels Meinung nicht. Ich halte die Aussage, Mutter und Vater seien für das Kindeswohl unabdingbar, für baren Unsinn. Aber ich bin bereit anzuerkennen, dass es gerade bei diesem Thema einigen Leuten schwer fällt, über gewisse Denkmuster und tradierte Vorstellungen von Geschlechterrollen hinwegzusehen.

Was nichts rechtfertigen soll. Sondern eine Anregung sein, auch einmal über seinen eigenen schwulen Tellerrand hinwegzuschauen, hinüber aufs andere Ufer, zu den merkwürdigen Wesen, die wir „Heteros“ nennen.

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6 Antworten to “Merkels Bauchgefühl”

  1. bajazbasel 15. September 2013 um 12:25 #

    Es ist mir in der letzten Zeit immer wieder aufgefallen, wie „selbstverständlich“ für viele junge Schwule die „Gleichstellung“ geworden ist. Mann tut so, als ob das schon für Alle und alle Zeiten selbstverständlich sei! *

    Mit der gleichen politischen Naivität tut die „Bewegung“ so, als ob alle anderen Minderheiten automatisch „schwulenfreundlich“ seien.

    Aber auch Heterosexuelle glauben, dass „ihr“ Fortschritt sich laufend auf die Nachkommen vererben würde. Aber das, was sich offensichtlich „vererbt“ – bei allen, ist die Dummheit und das fehlende Bemühen, gescheiter werden zu wollen…

    * Drum auch Ansichten wie: Man sollte das einklagen können.

  2. Ralf 15. September 2013 um 12:49 #

    Wenn man ein Land regiert, muss man Entscheidungen auf Grund rationaler Überlegung treffen und nicht auf Grund privater Voreingenommenheit. Frau Merkel wird seit Jahren vom Bundesverfassungsgericht immer wieder aufs Neue attestiert, dass sie das Grundgesetz bricht, indem sie Schwule und Lesben und deren Kinder rechtlich benachteiligt. Gegen Menschenwürde und Grundrechte kann man nicht mit „Bauchgefühl“ argumentieren. Ich fühle mich an Helmut Kohl erinnert, der sein „Wort“ über das Gesetz stellte.

  3. martin 15. September 2013 um 16:55 #

    Die Berufung auf das „Bauchgefühl“ ist in der Tat eine unbefriedigende Antwort, wenn sie auch mit „rechtspopulistisch“ und „reaktionär“ nicht viel zu tun hat und man sie sogar als ehrlich und sympathisch empfinden kann. Aber natürlich können sich politische Entscheidungen einer Regierung nicht auf „Bauchgefühle“ stützen. So gesehen lässt Merkels Antwort allerdings auch einiges offen, denn inhaltlich und mit substantiellen Argumenten hat sie sich zu der Frage nicht geäußert, sondern sie nur subjektiv abgewehrt.
    Es wäre zu hoffen, dass auch eine von Merkel geführte Regierung nach der Wahl die Gleichstellung im Adoptionsrecht endlich herstellt. Es ist kein Zustand, hier andauernd Verfassungsgerichtsurteile abzuwarten, nur weil Regierung und Bundestag die Zeichen der Zeit nicht erkennen. Es kann nicht die Aufgabe des Verfassungsgerichts sein, den Gesetzgeber zu ersetzen, wo er seiner Aufgabe nicht nachkommt. (Allerdings hat das auch einen gegenläufigen Aspekt: es ist genauso nicht Aufgabe des Verfassungsgerichts, legitime politische Entscheidungsspielräume einzuengen, indem es das Grundgesetz immer weiter auslegt.)

  4. morus 17. September 2013 um 10:36 #

    1)Der LSVD schiebt Frau Merkel nicht in die rechte Ecke; er vermutet, dass sie mit ihrem „Bauchgefühl“ die rechte Ecke als Wähler ansprechen möchte.
    2) Ja, das Bauchgefühl, es ist ja so sympathisch. Wer kann einem schon verübeln, ein Bauchgefühl zu haben. Obendrein ist es praktisch, man muss dann nämlich nicht mehr argumentieren – und ja, man kriegt vermutlich ein paar Stimmen aus gewissen Lagern. Obendrein vergrault man die Homos nicht, denn die finden das Bauchgefühl ja sympathisch und können nachvollziehen, warum die Boyscouts, die französischen Protestierenden, etc. ihrem Bauchgefühl folgen.

  5. martin 17. September 2013 um 19:29 #

    @morus: Der Punkt ist, dass es Wählern, die Merkel oder irgendeine Partei wegen ihrer Gegnerschaft gegen Homo-Gleichstellung wählen könnten, das nicht wegen irgendeines diffusen „Bauchgefühls“ der Bundeskanzlerin tun würden. Die haben entweder ein tiefsitzendes Ressentiment oder tatsächlich inhaltliche Gründe dafür, die gut oder schlecht sein mögen (oder auch nur rationalisierte Ressentiments), aber jedenfalls kein bloßes „Bauchgefühl“. Es ist bei Lichte besehen nicht sehr viel, was Merkel da gegen die Gleichstellung beim Adoptionsrecht aufgeboten hat – gerade einmal das, was sie den meisten ihrer Wähler und wohl auch sich selbst noch verkaufen kann. Und es ist natürlich richtig: Es ist eine schmerzfreie Antwort, die niemanden vergrault, die keine weiteren Argumente fordert, die so ganz dem Merkelschen Wahlkampf entspricht. Auf die sich aber auch, wie Adrian schreibt, „aufbauen“ lässt, wenn man es positiv sehen will.

  6. Hbdgay 19. September 2013 um 22:11 #

    “ Aber auch Heterosexuelle glauben, dass “ihr” Fortschritt sich laufend auf die Nachkommen vererben würde. Aber das, was sich offensichtlich “vererbt” – bei allen, ist die Dummheit und das fehlende Bemühen, gescheiter werden zu wollen… “

    Damit etwas vererbt werden kann, muss man erst mal Kinder haben. Davon haben unsere heutigen „progressiven Eliten“ am wenigstens und ihre Verhaltensprädispositionen für Offenheit und Toleranz dünnen sich aus.

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