Wie Gott mein Revier markiert

30 Apr

Im Neukirchener Kalender lese ich heute:

In unserem Großstadtgärtchen singen Amsel und Zaunkönig um die Wette. Damit markieren sie ihr Revier. Man hört sie im Dialog, im Duett. Sie sorgen für die Sicherheit ihrer Brut. Singen ist ein zentraler Bestandteil ihres Tageslaufes. Besonders morgens und abends höre ich unsere Amsel. Sie kann dabei sogar manche Klingeltöne des Telefons imitieren. Jubilierend singt sie den Tag ein und geleitet zur Ruhe der Nacht. – Hunde sind da anders. Sie pinkeln Bäume an, wenn es um ihr Revier geht. Ich möchte lieber eine Amsel sein, singen und jubilieren lernen und immer und immer wieder neue und alte Glaubenslieder im Kopf und im Herzen haben. Ich will Gottes Wohltaten bezeugen und besingen. Ich will Gott loben und so in mir die Gewissheit stärken, dass mein Revier geschützt ist, geschützt von höchster Stelle.

Doch wie markiert schützt Gott mein Revier? Sachdienliche Hinweise wie immer an die Redaktion.

Was würde Bruno-Paul de Roeck dazu sagen? Vielleicht etwas in der Art:

Elefanten versuchen nicht, Giraffen oder Schwalben zu werden, Radieschen versuchen nicht, rote Beete zu werden. Aber wir versuchen zu sein, was wir nicht sind. Wir ersticken in Idealen, die unerreichbar sind oder die nur auf unsere eigenen Kosten erreicht werden können. Wir gehen auf Zehenspitzen, um nur ja nirgendwo anzustoßen, und werden schließlich ärgerlich auf unsere Zehen, wenn sie uns weh tun.
Gestalttherapie, oder einfach nur ,Gestalt‘, ist eine Lebenseinstellung, die praktische Konsequenzen hat. Es geht um dich und mich und um unsere Erfahrung hier und jetzt. Wachstum ist hier das richtigere Wort als Therapie. Wachstum: spontaner, lebendiger und glücklicher sein. Deinen eigenen Kern mehr wertschätzen. Halberledigtes vollenden und neue Schritte wagen. (…) Gestalt versucht, angepaßte Menschen, die in ihrem Joch nicht zufrieden sind, wieder auf eigene, freie Füße zu stellen.

Weder Amsel werden also noch ein Hund. Ich werden. Wenns Spaß macht, auch den Baum anpinkeln. Oder ihn umarmen. Leonardo Boff schreibt in „Am Rand des Himmels“:

In China kann man allenthalben beoabachten, daß die Leute, vor allem ältere Leute, frühmorgens in Parks und Gärten Bäume in die Arme nehmen. (…) Es heißt, bis zehn Uhr des Morgens strahlten die Bäume vitale Energien aus, die sie des Nachts gesammelt hätten; und diese verhülfen den Kraftzentren der Menschen dann zu neuer Lebendigkeit. (…) Aber Vorsicht! Bäume wollen zunächst erobert und verführt werden. Andernfalls geben sie ihre Geheimnisse nicht preis.

Eines Morgens brach ein besonders durchsichtiger Tag an. (…) Ich beschloß, mal wieder in den Wald zu gehen. (…) Ich umarmte den einen Baum, streichelte den anderen und hielt mich bei wieder einem anderen auf, den ich mit meinen Umarmungen schon als Freund gewonnen hatte und dessen Stamm sich mit seinen vielleicht dreißig Metern wie geballte Energie in die Höhe erhob. Dennoch konnte ich ihn ganz umfassen. (…) Die Füße standen auf seinen Wurzeln; Gesicht, Brust, Bauch, Geschlechtsteile und Beine hatte ich an seinen Stamm gepreßt (…) Ganz allmählich wurde ich selbst Baum. Der Kopf wurde zur Krone, die Haare wurden zu Blättern, der Rumpf zum Stamm, die Arme zu den zahllosen Zweigen und die Füße zu Wurzeln, die sich in den Boden senken. Ich fühlte eine wohltuende Energie vom Himmel herabkommen und von der Erde aufsteigen und mein ganzes Sein mit Kraft erfüllen. Mit einemmal hatte ich das Empfinden, gar nicht mehr ich zu sein. Ich war zu purer kosmischer, vitaler Energie geworden. Der Baum war ich. Ich war der Baum.

Was würde Alexandra hierzu sagen? Die Antwort von Herrn Ratzinger jedenfalls war eindeutig: Boff erhielt Rede- und Lehrverbot. Der Inquisition pinkelt man eben nicht ungestraft an den Baum ans Bein. Nicht mal im Auftrag des Herrn.

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