Es ist entscheidend!

9 Jan

Wir lassen uns durch Hass nicht spalten“: Joachim Gauck hat nach dem Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ an den Zusammenhalt in der deutschen Gesellschaft appelliert. „Für uns ist nicht entscheidend, wie jemand heißt und wer seine Mutter ist, an welchen Gott er glaubt oder welche Feste er feiert“, betonte das Staatsoberhaupt vor seinem traditionellen Neujahrsempfang: „Ich schließe mich den Millionen Menschen an, die auf der ganzen Welt bekennen: ‚Wir sind Charlie‘!“

Schöne Worte, aber man erlaube mir einige kritische Anmerkungen.

Es soll also nicht entscheidend sein, an welchen Gott ein Menschen glaubt? Es soll nicht entscheidend sein, dass die Attentäter von Paris an einen Gott glauben, der ihnen aufträgt, „Ungläubige“ zu töten?

Au contraire, Herr Bundespräsident! Es ist sehr wohl entscheidend, an welchen Gott man glaubt. Es ist sehr wohl entscheidend, was ein Mensch glaubt, welche Werte ein Mensch hat, welche Überzeugungen er sein Eigen nennt.

Wenn das nicht entscheidend sein soll, wie soll dann eine Gesellschaft funktionieren?

6 Antworten to “Es ist entscheidend!”

  1. gottfriedg 9. Januar 2015 um 13:17 #

    Ich denke „nicht entscheidend“ in dem Kontext wie Joachim Gauck es verwendet zielt darauf ab „nicht entscheidend für die Anerkennung als Mensch“. In diesem Sinne würde ich das verstehen und spontan zustimmen, es ist tatsächlich nicht entscheidend ob jemand an Gott, Allah, Buddha oder an gar nichts glaubt – nicht entscheidend für die Art wie ich ihm gegenübertrete und schon gar nicht entscheidend um irgendwelche weiterführenden staatlichen Aktionen (z.b. Strafmaß, Steuern, Überwachung) damit zu rechtfertigen.

    Glaube (Werte, Überzeugungen) in diesem Sinn ist tatsächlich Privatsache, nicht umsonst gibt es so etwas wie Religionsfreiheit. Die Zeiten in denen Menschen aufgrund ihres Glaubens institutionell (!) verfolgt, gefoltert u.ä. wurden sind vorbei.

    Das bedeutet nicht dass das Attentat auf Charlie Hebdo in Ordnung ist, und auch nicht dass es legitim ist den Glauben als „Motivation“ für so eine Tat vorzuschieben. Aber es bedeutet, dass in der strafrechtlichen Bewertung der Tat der Glaube der Täter keine Rolle spielen sollte – ich erwarte mir jedenfalls dieselbe strafrechtliche Behandlung, egal ob die Attentäter Christen, Muslime oder Atheisten sind. Tat und Glaube sind hier zu trennen.

    Entscheidend für den Umgang miteindander und das Funktionieren der Gesellschaft sind die Taten der Menschen, nicht deren Glaube oder Überzeugungen. Wenn eine Gruppe Muslims einen Christen zusammenschlägt, dann ist die Tat zu verurteilen, nicht der Glaube. Genauso umgekehrt, wenn eine Gruppe Christen einen Muslim zusammenschlägt. Ich denke in diesem Sinn ist die Aussage von Gauck gemeint.

  2. Mordred 9. Januar 2015 um 15:01 #

    „Es soll also nicht entscheidend sein, an welchen Gott ein Menschen glaubt? Es soll nicht entscheidend sein, dass die Attentäter von Paris an einen Gott glauben, der ihnen aufträgt, “Ungläubige” zu töten? “
    glaube und gedanken sind frei. nur die taten können ein problem sein.
    daher ist es nicht entscheidend an was/wen man glaubt.

  3. mitm 10. Januar 2015 um 12:37 #

    Ich habe die gleiche Meinung wie Adrian (und bin deswegen gestern wüst als rechtsradikal beschimpft worden, von Leuten, die glauben, sie seien links und aufgeklärt…)

    Ich habe länger über die Ursachen dafür nachgedacht und eine Theorie entwickelt, wie die unterschiedliche Bewertung des Islam u.a. von Adrian vs. Gauck zustandekommt.

    Der Anfang ist einfach. Der Begriff Islam wird in den Debatten mit zwei verschiedenen Bedeutungen benutzt:

    1. für eine Religionslehre (bzw. Ideologie), deren religiösen Vorschriften in einem Referenztext namens Koran definiert werden

    2. für eine Religionsgemeinschaft, also eine Menge von Personen, die sich selber als diese Religionslehre zugehörig bezeichnen.

    Jetzt kommen zwei große Komplikationen.

    1. Der Referenztext ist sehr lang und an vielen Stellen schwer zu interpretieren, und zwar sogar bei sehr elementaren Fragen. Ein Beispiel ist die Frage, ob bzw. welche Tötungen Allah den Gläubigen als Gebot vorschreibt. Darin sind sich offenbar noch nicht einmal die professionellen Islam-Gelehrten einig. (Mehr Info: offener Brief von über 120 Islamgelehrten gegen den ISIS-Terror) Sämtlichen Interpretationen des Referenztextes ist aber offenbar gemein, daß Tötungen z.B. von bestimmten „Feinden des Islam“ vorgeschrieben sind. Vor weiteren Details wie Auspeitschungen als Strafe usw. nicht zu reden. Selbst die wohlwollendsten Interpretationen des Referenztextes sind im Endergebnis völlig unvereinbar mit den Menschenrechten, dem Grundgesetz und vielen Werten ziviler Gesellschaften.

    2. Die Religionsgemeinschaft, genauer gesagt die Gruppe der in D. lebenden Muslime, bezieht sich zwar auf den Referenztext oder eine Interpretation desselben, praktiziert ihn aber nicht, sondern nur eine entschärfte Version. Vereinfacht gesagt werden die Anteile weggelassen, die in der geltenden Rechtsordnung in D. nicht zulässig sind (s. z.B. hier. Die Restmenge der immer noch geltenden Vorschriften ist sozusagen eine „real praktizierte“ Religionslehre, die nur implizit durch das Verhalten der Religionsgemeinschaft in einem speziellen Land (hier: D) definiert ist. Für diese real praktizierte scheint es keinen Referenztext zu geben (das müßte eine editierte Version des Koran sein, was vermutlich ein Schwerverbrechen ist), was auch wegen der Interpretationsprobleme fast unmöglich wäre.

    Die real praktizierte Religionslehre ist zwar nicht genau bekannt, aber konstruktionsgemäß ist sie verfassungskonform. Damit ist für Gauck und Co. die Welt in Ordnung und jede Kritik am Islam ein Eingriff in die Religionsfreiheit.

    Die spannende Frage ist, welche Islamvariante ein deutscher Muslim praktiziert bzw. praktizieren muß, wenn er Urlaub in Saudi Arabien macht oder allgemeiner außerhalb des Geltungsbereichs des Grundgesetzes agiert. Jetzt ist auf einmal der äußere Zwang weg, der die Tötungsgebote außer Kraft gesetzt hat.

    Erst an diesem Beispiel bemerkt man die Gefährlichkeit der impliziten Definition der real praktizierten Religionslehre: Die Tötungsgebote wurden ja nicht explizit abgelehnt (sie müßten eigentlich sogar in ihr Gegenteil verkehrt werden: Du sollst auf gar keinen Fall töten), sondern nur durch eine äußere, höhere Gewalt stillgelegt, so wie ein rezessives Gen. Sobald diese äußere Gewalt weg ist, ist das Gebot wieder aktiv. Ohne die äußere Gewalt kann man als Gläubiger die Tötungsgebote nicht loswerden. Der Verweis auf die grundsätzlicheren und höherstehenden Menschenrechte würde bedeuten, von Menschen gemachte Ge- und Verbote und ethische Prinzipien über die von Gott vorgeschriebenen zustellen, ein absurder Gedanke, wenn man überhaupt an Gott glaubt.

    Die praktizierenden Muslime stehen somit in einer schizophrenen Situation, und zwar in der Doppelbindung, einerseits offiziell den Koran als Grundlage ihrer Religion anzusehen, andererseits systematisch dagegen zu verstoßen, indem sie eine undokumentierte real praktizierte Religionslehre praktizieren.

    Gauck trivialisiert das Problem fahrlässig in Wendungen wie „egal,…an welchen Gott er glaubt oder welche Feste er feiert“. Damit blendet er das entscheidende Problem, die Doppelbindung im real praktizierten Islam, gerade aus, ob bewußt oder unbewußt, lasse ich hier offen.

    Daß bei Adrian die Alarmglocken schrillen, wundert mich kein bißchen. Als Homo ist man vermutlich darauf konditioniert, auf versteckte Risiken in gesellschaftlichen Strukturen zu achten, die jederzeit unter veränderten Randbedigungen virulent werden können.

    Selbst bei mir als Hetero schrillen die Alarmglocken. Diese Doppelbindung muß jeder deutsche Muslim in sich selber ausfechten, und sie ist intellektuell anspruchsvoll. In großen Populationen befinden sich aber nun mal leider immer ein paar Unterentwickelte, Begriffsstutzige, Schwererziehbare usw., das das nicht hinbekommen und zu Sicherheitsrisiken werden.

  4. Ralf 10. Januar 2015 um 14:34 #

    Natürlich sind Glaube und Weltanschauung sowie darüber hinaus die politische Grundeinstellung eines Menschen entscheidend dafür, wie er sich seinen Mitmenschen gegenüber verhält, wie er zur offenen, vielfältigen Gesellschaft und zum freiheitlichen Staatswesen steht. Ich vermute, Herr Gauck weiß das auch und will sich nur unter die Abwiegler und Schönredner einreihen, weil er meint, damit Ruhe verbreiten zu können. Würde das Christentum von den Christen so praktiziert, wie ihr heiliges Buch es ihnen vorschreibt, also auf der Grundlage von Schwarz-Weiß-Denken und Intoleranz, wäre Europa ein anderer Kontinent und geistig nicht sehr weit vom Iran oder Saudi-Arabien entfernt. Die allermeisten Christen filtern ihren Glauben aber -so sie ihn überhaupt noch ausüben- und halten sich nur noch an wenige humane Aussagen der Bibel, insbesondere solche, die Jesus dort in den Mund gelegt werden. Ich habe keinen hinreichenden Einblick in muslimisches Denken in Europa, aber Studien wollen erkannt haben, dass eine ähnliche Tendenz auch im europäischen Islam zu beobachten sei. Als Beispiel weise ich auf die Studie der Bertelsmann-Stiftung hin, die in Bezug auf die Einstellung gegenüber Schwulen und Lesben gerade eben auf queer.de diskutiert wird. Es ist jedenfalls wichtig zu unterscheiden, ob Menschen, die sich als Anhänger einer der bekanntermaßen intoleranten und gewalttätigen Buchreligionen bezeichnen, tatsächlich diesen Glauben praktizieren oder ob sie ihre Maßstäbe fürs reale Leben -wie es bei der Bertelsmann-Stiftung heißt- von der Religion entkoppelt haben. Dann, aber auch nur dann, ist der Glaúbe tatsächlich ziemlich egal. Das sollte Herrn Gauck bewusst sein, der ja selbst ein Pfarrer ist, der seinen Glauben entsprechend durch den Weichzeichner entschärft hat. Und das sollte er so dann auch öffentlich zu sagen wagen. Vermutlich würden ihm viele Muslime sogar zustimmen.

  5. robertniedermeier 29. Januar 2015 um 17:38 #

    Neues von den sogenannten Islamkritikern: http://reiserobby.de/moslems-im-huehner-kz-die-schwule-islamkritik-am-ende/

  6. robertniedermeier 29. Januar 2015 um 17:39 #

    Und das dazu, wie „entscheidend“ der Glaube ist… http://reiserobby.de/homosexualitaet-papst-oder-pierre-vogel-wer-ist-liberaler/

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