Xavier, quelle mouche t’a piqué?

30 Apr

Xavier BongibaultFrankreichs Gegner der Homo-Ehe haben neben Frigide Barjot eine weitere Gallionsfigur, die beim näheren Hinsehen noch ein wenig bizarrer ist als die streitbare Dame selbst. Es handelt sich hierbei nämlich um einen attraktiven jungen Mann, der selber schwul ist. Sein Name ist  Xavier Bongibault. Für die Gegner von Homo-Ehe und Adoptionsrecht ist er nicht weniger als ein „Gottesgeschenk“, denn ein Schwuler in den eigenen Reihen ist doch sicher ein Beleg dafür, dass die Bewegung nun wahrlich nicht homophob sein kann. Oder?

Nun, wahrlich nicht! Denn ebenso wie es rassistische Schwarze, antisemitische Juden und sexistische Frauen gibt, kann ein Schwuler sehr wohl homophob sein. Doch trifft dies auch auf Bongibault zu? Es ist nicht ganz leicht, dies einzuschätzen, zumal wenn man der französischen Sprache nicht mächtig ist und deshalb auf übersetze Zitate zurückgreifen muss. Überdies ist es äußerst schwer, einem Menschen mit hübschen Gesicht böse Motive zu unterstellen. Doch lassen wir persönliche Vorlieben einmal beiseite und schauen uns die Überzeugungen des jungen Xavier einmal etwas genauer an:

“In France marriage is not a contract about love: it is a contract that creates the framework for the protection of children. I believe a child must have a mother and father,” Bongibault said.

Dass die Ehe in Frankreich nichts mit Liebe zu tun hätte, sondern ein Vertrag zur Absicherung von Kindern, mag durchaus sein. Doch ist die Ehe in Frankreich nicht nur das. Immerhin kann man auch innerhalb der Grenzen der „Grande Nation“ eine Ehe eingehen, ohne vorher einen Fruchtbarkeitstest zu absolvieren. Und auch Paaren außerhalb der fruchtbaren Jahre wird die Ehe nicht verwehrt.

Dass Bongibault überdies der Meinung ist, dass ein Kind, Mutter und Vater brauche, sei ihm gegönnt. Doch warum glaubt er das? Auf welche Annahmen stützt sich dieser Glaube?

[…] I have seen a study, a very serious one — the most serious study done so far. It was done by Mark Regnerus, a sociologist. He studied the effects of homosexuality at the University of Texas. It demonstrates quite clearly that a child has trouble being raised by gay parents.

Die Studie von Mark Regnerus über Kinder in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften als die „ernstzunehmenste Studie bislang“ zu bezeichnen, ist – gelinde gesagt – lächerlich. Die Studie hat einige schwerwiegende methodische Fehler, wie unter anderem hier, hier und hier dargelegt wird. Und selbst Regnerus hat mittlerweile solche Fehler eingeräumt. Darüberhinaus steht Regnerus‘ Studie in scharfen Kontrast zu bisherigen Untersuchungen und Ergebnissen zum Kindeswohl in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften (Zusammenfassungen hierzu finden sich unter anderem hier, hier und hier).

Bongibaults Meinung zur Gefährdung von Kinder entspringt demnach eher einem unreflektierte Impuls, und nicht seriösen Erkenntnissen. Doch was hat er sonst noch an Argumenten gegen Ehe- und Adoptionsrecht vorzuweisen?

“Everyone has the right to get married. I am homosexual but if I wanted to get married I could find a woman. Marriage has certain conditions, the main one of which is that it has to be between a man and woman.”

Ein in gewissem Sinne äußerst amüsantes Argument: Sicher, ein schwuler Mann darf jetzt schon heiraten – nämlich eine Frau. Nur, wohin bringt uns diese Erkenntnis? Dass gesamte „Konzept“ der Homosexualität besteht ja darin, eben nicht am anderen Geschlecht romantisch-sexuell interessiert zu sein und demnach auch kein Interesse zu haben, dieses Geschlecht zu ehelichen. Das Amüsante an diesem Argument wandelt sich deshalb recht schnell zum Zynismus. Denn was anderes als Zynismus ist es sonst, einem schwulen oder lesbischen Paar, mit jenem Argument gleiche Rechte vorzuenthalten, diese habe man ja schon, man müsste dafür  halt bloß seinen Partner verlassen, und sich lediglich auf das Geschlecht einlassen, dass man überhaupt nicht liebt? Wie um alles in der Welt kann jemand, der selbst schwul ist, einen solchen Satz vorbringen, ohne vor Scham in den Boden zu versinken?

Und was ist eigentlich von dem Argument zu halten, eine Ehe definiere sich über bestimmte Bedingungen, von denen die wichtigste sei, dass sie zwischen Mann und Frau geschlossen werden muss? Nun, gar nichts, denn die Definition der Ehe, unterliegt einem beständigen gesellschaftlichen Wandel.

Interessant ist allerdings Bongibaults beharrliches Insistieren darauf, dass Ehe nichts mit Liebe  zu tun hätte:

In no way is marriage an institution for love. If it were only love, then based on what do we refuse to recognize the marriage of three people deeply in love with each other? What about a father who loves his daughter?

Gute Frage: Auf welcher Grundlage verweigern wir das Eherecht drei Personen, die sich lieben? Mit dieser „Trumpfkarte“ mag man andere in den Sack stecken – mich nicht! Denn persönlich hätte ich kein Problem damit, jedwede freiwilllige Verbindung von Menschen die sich lieben, als Ehe anzuerkennen.

One allows that to suppress equality in the meaning of family, or in the meaning of a couple. So when one suppresses all the genetics of the child, one is then willing to destroy the familial circle, and therefore, to destroy the first venue for the socialization and social cohesion of the child.

Und inwiefern zerstört die Heirat eines gleichgeschlechtlichen Paares den „Kreis der Familie“? Wie stellt Bongibault sich das vor? Werden Heteros weniger Kinder bekommen, wenn Schwule und Lesben heiraten dürfen? Werden sie sich eher scheiden lassen? Werden dadurch Kinder ihren Familie entrissen? Unsinn! Weder die Ehe noch das Adoptionsrecht werden  derartige Folgen haben.

Fakt ist: Ehe und Adoption auch gleichgeschlechtlichen  Paaren zu ermöglichen, wird keinem heterosexuellen Paar ein Recht entziehen. Man wird Eltern auch nicht die Kinder wegnehmen um sie schwulen oder lesbischen Paaren anzuvertrauen. Es gibt schlicht und einfach keine sachlichen Grund, Schwulen und Lesben zu verweigern, was Heteros wie selbstverständlich in Anspruch nehmen dürfen.

Von daher ist es mir ein Rätsel, warum Bongibault sich derartig vehement gegen Eheöffnung und Adoptionsrecht sträubt. Wenn er der Meinung ist, die Ehe sei eine Institution zwischen Mann und Frau, wird ihn niemand  diese Meinung nehmen. Wenn er tatsächlich glaubt, er und sein (künftiger) Freund oder Lebenspartner seien ein soziales Risiko für Kinder, darf er auch das ruhig weiter glauben.

Immerhin will niemand ihn zwingen, einen Mann zu ehelichen oder Kinder zu adoptieren.

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Eine Antwort to “Xavier, quelle mouche t’a piqué?”

  1. bajazbasel 1. Mai 2013 um 10:57 #

    Es gibt durchaus vernünftige Gründe gegen eine Öffnung der Hetero-Ehe für HomosexuelLe. Die meisten kennen die Verpflichtungen eines Hetero-Ehevertrages gar nicht. Fragt sich nur, warum der Mann sich ausgerechnet vor deren Pferde spannen lässt!?
    Ich wäre dafür, den Heteros einen Schritt vorauszugehen und die eingetragene Partnerschaft zu modernisieren. Dann hätten wir weder die Kirche, noch die Heten an der Brust!
    Es gibt durchaus Fälle, in denen Heteras die Kinder aufgrund misslicher Verhältnis admnistrativ weggenommen worden und zu Lesben in Pflege gegeben worden sind. Darüber ereiferte sich kürzlich Recep Erdogan sogar öffentlich!
    Aber bisher hat noch keine Lesbe und kein Schwuler es gewagt, öffentlich die Wegnahme homosexueller Kinder aus ihrer misslichen Situation zu verlangen! Dagegen werden über Selbstmorde dann öffentlich Tränen verdrückt…

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