Vöglein, Vöglein, in der Hand

14 Mrz

Ein wenig nervt er schon, der neue Papst. Nun wird gemeldet, er sei der Ansicht, wenn Schwule Kinder adoptieren sei das eine Diskriminierung von Kindern. Was für eine krude Logik: Wenn man Kindern Eltern vorenthält, das ist Diskriminierung!

Zudem bezeichnete er die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe als „Teufels-Manöver“, gegen den die Kirche einen „Krieg Gottes“ führen muss.

Angesichts dieser Meldung könnte man glatt auf die Retourkutsche verfallen, dass die Befürworter der Ehe-Öffnung dementsprechend dann eben einen Verteidigungs-Krieg gegen Rom führen müssten. Was ist das für eine merkwürdige Wortwahl für einen Mann Gottes, der doch eigentlich Liebe und Frieden predigen sollte? Wie passt dieser Auftrag nur zu diesen immer wiederkehrenden Hass-Botschaften und Kriegserklärungen?

Die Grünen-Vorsitzenden Roth und Özdemir störten sich weder an Kriegserklärungen noch an einer dubiosen Vergangenheit des Papstes, sondern

wünschten dem neuen Papst Franziskus I. Kraft, Glück und Gesundheit. „Mit seinem Amt trägt der neue Papst aus Argentinien große Verantwortung für soziale Gerechtigkeit, für den Erhalt der Schöpfung und für Frieden und Dialog zwischen den Religionen, Kulturen und Staaten.“

Angesichts der Begeisterung Volker Becks schon für die Naturrechtsapologetik Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag wundert einen aber auch das letztlich nicht mehr:

Volker Beck lobte im Interview unmittelbar nach der Rede, daß sie niemanden beleidigt habe, daß Benedikt darauf verzichtet habe, Homosexualität als objektiv ungeordnet zu bezeichnen. Genau das hat Benedikt aber getan: Was gerade der deutschen bioethischen Befindlichkeit – sei’s im Kontext Klonen, PID oder Gentechnik – so eingängig und zustimmungsfähig klingt, ist tatsächlich der hochproblematische Kern der Sexualpolitik der Kirche: Der feste Glaube an die Natur des Menschen. Mit diesem Glauben einher geht auch die Überzeugung, daß es naturgemäßes Verhalten gibt – und eben objektiv ungeordnetes. Natur ist bei Benedikt ein platonischer Begriff: Die unveränderliche Idee der Natur. Es gibt das eine Idealbild, in dem Sollen und Sein in eins fallen. Alles andere ist Abweichung (und gerade ein Sein, das zwar ist, aber nicht sein soll), und wenn diese »Abweichung« auch noch so konsensual ist, ist sie doch nicht der Vollzug »wahrer« Freiheit.

Der Kern dieser Argumentation ist eine tief in der Philosophie- und Theologiegeschichte verwurzelte – eine Ideengeschichte, die auch eine durch Denkverbote und lehramtliche Maulkörbe geprägte ist, eine Geschichte kirchlicher Machtausübung zum Zwecke der (Sexual-)Politik. Für Augustinus ist Freiheit nur die Freiheit zum Guten. Thomas von Aquin kennt den Unterschied von Artnatur (die Natur, die einer ganzen Art zukommt) und Individualnatur (nicht jedem Individuum einer Art kommt die Artnatur zu) – 1277 verdammt Bischof Étienne Tempier von Paris diese Argumentation, insofern sie dazu dient, »naturwidrige« Sexualität zu rechtfertigen. (These 166 des Konvoluts verbotener Positionen lautet »Die Sünde gegen die Natur, also der Mißbrauch des Beischlafs, mag gegen die Natur der Art gehen, aber er geht nicht gegen die Natur des einzelnen.«) Augustinus’ Argumentation taucht im 19. Jahrhundert auf, wenn Glaubensfreiheit bestritten wird, da es keine Freiheit zum Irrtum geben dürfe. Immer geht es darum, daß nicht sein darf, was nicht sein soll, daß nicht sein darf, was der wahren Natur widerspricht.

Über Franziskus sagte Beck nun:

Ich würde mir wünschen, dass sich der neue Papst dem Leben der Menschen gegenüber so zuwendet, wie es Franziskus in der Vogelpredigt gegenüber der Natur getan hat.

Was Volker Beck damit konkret meinte? Schauen wir uns diese Predigt einmal näher an:

Als er sich Bevagna näherte, kam er zu einem Ort, an dem eine große Menge von Vöglein verschiedener Art zusammengekommen war: als der Heilige Gottes dieselben sah, lief er eilig dahin und begrüßte sie, als wären sie der Vernunft teilhaftig. Sie aber alle erwarteten ihn und wandten sich zu ihm, so daß die, welche auf den Gesträuchen waren, die Köpfchen senkten, als er sich ihnen näherte, und in ungewohnter Weise sich nach ihm hinrichteten, bis er zu ihnen heranschritt und sie alle eifrig ermahnte, das Wort Gottes zu hören, indem er sprach: »Meine Brüder Vöglein, gar sehr müßt ihr euren Schöpfer loben, der euch mit Federn bekleidet und die Flügel zum Fliegen gegeben hat; die klare Luft wies er euch zu und regiert euch, ohne daß ihr euch zu sorgen braucht«. Als er ihnen aber dies und ähnliches sagte, begannen die Vögel, in wunderbarer Weise ihre Freude bezeugend, die Hälse zu recken, die Flügel auszubreiten, die Schnäbel zu öffnen und aufmerksam auf ihn zu schauen. Er selbst aber in wunderbarer Glut des Geistes schritt mitten durch sie hin und berührte sie mit seinem Gewande; und dennoch bewegte sich keiner von der Stelle, bis er das Zeichen des Kreuzes machte und ihnen mit dem Segen des Herrn die Erlaubnis gab.

Beck könnte also gemeint haben, der neue Papst solle die Menschen behandeln, als hätten sie Verstand und sie dann zum Lob der Schöpfung auffordern. Ob Franziskus das beherzigen wird, ohne einen Teil der Schöpfung gleich wieder abzuwerten? Das wäre tatsächlich ein Fortschritt.

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