Was hat Lann Hornscheidt getan?

2 Dez

Lann Hornscheidt ist ein Mensch, der sich weder mit der Geschlechtszuschreibung „weiblich“, noch mit der Geschlechtszuschreibung „männlich“ identifizieren kann. Beschäftige ich mich mit Hornscheidt, ist es mir vollkommen unverständlich, wie viel Abneigung und Hass Hornscheidt auf sich zieht:

Lann Hornscheidt lehrt Gender Studies und möchte geschlechtsneutral als Professx angeredet werden. Die Folge: üble Briefe, aggressive Medienberichte und Gewaltandrohung

Nun wurde zusätzlich eine Petition gestartet wurde um Hornscheidt die Professur zu entziehen:

[„freitag“:] Der offene Brief wurde von dem Bildungsforscher Michael Klein und der Soziologin Heike Diefenbach online bei sciencefiles.org veröffentlicht. Fast 70 Menschen, die meisten ebenfalls aus der Wissenschaft, haben ihn unterzeichnet. Man wirft Ihnen da „Dienstvergehen“ vor. Ihr Verhalten mache den Berufsstand „lächerlich“, heißt es.

Initiiert von „sciencefiles.org“ also, einer Webseite, mit der auch ich bereits einmal aneinandergeraten bin. Offenbar ist es manchen Menschen  schwer erträglich, ungewohnte Standpunkte und Ansichten auch nur zu tolerieren.

Doch worum geht es eigentlich bei der ganzen Debatte?

Hornscheidt kritisiert die generelle zweigeschlechtliche Grundkonzeption der Gesellschaft („zweigenderung“) und deren Vorstellungen von Normalität und Kategorisierbarkeit. Ihrer Ansicht nach kann geschlechtliche Diskriminierung nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen betrachtet werden, rassistische und ableistische Strukturen müssten daher stets mitbetrachtet werden. Sie befürwortet, ausgehend von der feministischen Linguistik, eine geschlechtsneutrale Sprache, mit der sich auch diejenigen identifizieren können, die sich nicht als Mann oder Frau betrachten. Ihr Sprachvorschlag ist die Verwendung einer „x“-Form, die geschlechtsspezifische Wortendungen aufhebt (z. B. „Einx schlaux Sprachwissenschaftx liebt xs Bücher“). Hornscheidt fordert nicht die allgemeine Einführung einer „x“-Form als Ersatz für männliche oder weibliche Formen, sondern schlägt lediglich eine neutrale Ergänzungsform vor. Sie betont, dass sie lediglich Vorschläge aufstellt, keine Forderungen und bei der Verwendung der Sprachform immer auch Kontext und Adressat betrachtet werden sollten. So sei es beispielsweise unsinnig, eine geschlechtsneutrale Form zu wählen, wenn sich in der beschriebenen Gruppe ausschließlich Männer befinden. Auch solle sich niemand eine geschlechtsneutrale Bezeichnung geben, der sich selbst mit einem Geschlecht identifiziert. Für sich selbst lehnt Hornscheidt eine Identifikation als Mann oder Frau in der Anrede ab und bezeichnet sich im Sinne der geschlechtsneutralen Sprache als „Professx“ (gesprochen: Professix). Sie nennt sich „Lann“, um sich einen geschlechtsneutralen Namen zu geben. Darauf bezieht sie sich in einem Gedicht. [Personalpronomen im Original, A.]

Nun kann man das sicher ungewöhnlich und schwer verständlich finden. Als ungewöhnlich empfinde ich dies in der Tat. Ungewöhnlich aber nur deshalb, weil ich es nicht gewohnt bin.

Hornscheidt führt hierzu aus:

Warum kann ich Differenzen nicht stehen lassen? Warum kann ich mich dadurch nicht bereichert fühlen? Warum muss ich denken, dass alle Menschen gleich sein müssen? Viele schrieben mir jetzt, wie wichtig sie den Vorstoß finden, vor allem Inter- und Transpersonen schrieben das. Es geht mir darum, für diese Leute Räume zu schaffen. Dass sie es wagen, sich selber neue Namen zu geben und sich zu sagen: „Vielleicht kann ich mir mein Leben und meine Identität noch einmal neu aneignen. Sprache ist sehr wichtig, gerade um eine widerständige Wirklichkeitsvorstellung auszudrücken.

Und darum geht es doch. Nicht um eine zwangsweise Auflösung geschlechtlicher Pronomen, nicht um die Auflösung der Geschlechter, sondern um eine Ergänzung der Sprache für diejenigen existierenden Menschen, die sich mit den bestehenden Sprachmustern nicht identifizieren können. Für eine Anerkennung dafür, dass es Menschen gibt, die sich weder als Frau noch als Mann empfinden.

Es wird immer diese Auffassung geben, dass es genau zwei Geschlechter gibt, die genetisch, hormonell oder wie auch immer festgelegt sind. Das Problem ist, dass Leute damit Trans- und Interpersonen diskriminieren, ihnen deren Lebenswirklichkeit absprechen.

Zu betonen ist, dass es hierbei nicht um Zwang geht:

Auf meiner Homepage steht ja übrigens nur, dass ich selbst als Professorx angesprochen werden will. Ich sage weder, dass alle Leute sich so anreden lassen sollen, noch, dass es keine Frauen und Männer gibt. Trotzdem ist das schon zu viel für manche Leute. Das Problem sind nicht unterschiedliche Auffassungen – sondern dass es diesen unbedingten Wunsch nach vermeintlicher Normalität gibt, und die Neigung, alles andere gewaltvoll abzulehnen.

Als homosexuellem Menschen sollte einem das doch sehr bekannt vorkommen: die Neigung, alles in die Schablone der Heterosexualität zu pressen, und Homosexualität, auch gewaltsam, abzulehnen. Im Kampf gegen diese Heteronormativität sind wir ein gutes Stück vorangekommen. Doch wenn ich als Schwuler darum kämpfe, nicht in die heteronormative Schublade gesteckt zu werden, kann ich anderen den Wunsch nicht absprechen, nicht in die Schublade der Zweigeschlechtlichkeit gepresst zu werden.

Die meisten Menschen wollen nicht mit Pronomen angeredet werden, die ihrer Geschlechtszugehörigkeit widersprechen. Kaum ein Mensch möchte als Frau gelesen werden, wenn der Mensch keine Frau ist. Wenn Du selbst aber diesen Wunsch respektiert sehen möchtest, kannst Du im Sinne der Fairness und des Respekts nicht von anderen erwarten, dass sie Zuschreibungen als „männlich“ oder „weiblich“ akzeptieren, obwohl sie sich selbst weder als das eine noch als das andere empfinden. Die Einführung einer geschlechtsneutralen Ergänzungsform ist demnach vollkommen folgerichtig und richtig.

43 Antworten to “Was hat Lann Hornscheidt getan?”

  1. Yadgar 2. Dezember 2014 um 01:36 #

    Was machen eigentlich Menschen, die sich selbst ausdrücklich nicht einmal als Menschen betrachten? Oder solche, die per Selbstzuschreibung als Einzige einem noch nie dagewesenen n-ten Geschlecht (nennen wir es mal „Zokoss“) angehören?

    Da ist mein virtuelles Afghanentum ja richtig harmlos gegen… in einem etwaigen Einwanderungsdokument in die USA (nicht dass ich konkrete Pläne hätte…) stünde dann unter „Nationality“ einfach „Virtual Afghan“, ganz ohne irgendwelchen Genderkokolores…

    • Adrian 2. Dezember 2014 um 01:49 #

      @ Yadgar
      „Was machen eigentlich Menschen, die sich selbst ausdrücklich nicht einmal als Menschen betrachten?“

      Ich würde sagen, damit beschäftigen wir uns, wenn es soweit ist.
      Und bis dahin sollte man die Tatsache anerkennen, dass es nun mal Menschen gibt, die sich weder mit einer Geschlechtszuweisung identifizieren, bzw. biologisch gar nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden können.

  2. Christian - Alles Evolution 2. Dezember 2014 um 06:54 #

    Die Frage bezüglich der Position als Professor wäre doch: ist das Wissenschaft oder reine Ideologie?

    • Adrian 2. Dezember 2014 um 10:53 #

      @ Christian
      „Die Frage bezüglich der Position als Professor wäre doch: ist das Wissenschaft oder reine Ideologie?“

      Was? Dass Hornscheidt sich nicht mit männlichen und weiblichen Personalpronomen anreden lassen möchte?

  3. Brot 2. Dezember 2014 um 07:19 #

    Ein Problem mit der x-Form ist, das man sie nicht sprechen kann. Sie eignet sich daher nur für die geschriebene aber nicht für die gesprochene Sprache. Irritierend ist sie, weil man dazu neigt Wörter als Tippfehler anzusehen wenn man sie liest, diese aber phonetisch nicht aussprechbar sind.

    Meiner Meinung nach ist das Problem die unsinnige Gleichsetzung von grammatikalischen Genus mit biologischem bzw. sozialem Geschlecht. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Es wäre vieles leichter wenn man die drei Genus Formen der deutschen Sprache (andere Sprachen haben übrigens durchaus auch mal mehr oder weniger Formen) A, B und C genannt hätte. Dann wären deutlich weniger Leute versucht diese Gleichsetzung zu betreiben.

    Ob Lann Hornscheidt die Professur entzogen wird, sollte davon abhängen ob diese sinnvoll ausgefüllt wird. Also von der Forschung und Lehre von Hornscheidt. Wenn es sich um eine Forschungsprofessur handelt sogar überwiegend bzw. nur von der Forschung. Bei der Menge, die eine Professoren Stelle dem Steuerzahler kostet, kann man erwarten das der jeweilige Stelleninhaber dann auch gute Arbeit leistet.

    • Adrian 2. Dezember 2014 um 10:54 #

      „Meiner Meinung nach ist das Problem die unsinnige Gleichsetzung von grammatikalischen Genus mit biologischem bzw. sozialem Geschlecht.“

      Dann darf man Dich künftig also mit weiblichen Pronomen anreden, auch wenn Du gar nicht weiblich bist?

  4. m 2. Dezember 2014 um 07:36 #

    Naja, Adrian, in dem interview da im freitag damselt der/die Gute aber ziemlich. Es gibt auch Gelegenheiten, da zeigt das Lager, in dem sie sich bewegt und welches sie wohl entscheidend mitprägt ein ganz anderes, gar nicht so nettes, tolerantes und verletzliches Gesicht.

    Ich denke da an die Sache mit der Polizei in der Vorlesung, als diese wohl einfach von Vertretern oder Mitgliedern der Gender Studies niedergeschrien wurde (und damit entschieden, wer was hören und lesen darf) weil diesen nicht gefiel, was dort so vorgelesen wurde.

  5. djadmoros 2. Dezember 2014 um 08:20 #

    Stefanolix hat ja schon zwei wichtige Punkte des Themas benannt:

    Erstens: wie sich Frau Professor Hornscheidt *im Amt* nennen lassen möchte, ist nicht ihre Privatsache – insbesondere, wenn sie auf ihrer Webseite ausdrücklich (in Rot!) auffordert:

    » Wollen Sie mit Profx. Lann Hornscheidt Kontakt aufnehmen? Achten Sie bitte darauf, Anreden wie „Sehr geehrtx Profx. Lann Hornscheidt“ zu verwenden. Bitte vermeiden Sie alle zweigendernden Ansprachen wie „Herr ___“, „Frau ___“, „Lieber ___“, oder „Liebe ___“.«

    Sondern es handelt sich um die Ausübung akademischer Macht. Die Analogie mit einem professoralen »Gesslerhut«, den das untergebene Volk zu grüßen hat, scheint mir da durchaus passend.

    Zweitens: aus diesem Grund ihre Amtsenthebung zu fordern, ist überzogen. Professoraler Machtmissbrauch kann auch anders stattfinden, ohne dass da jemand amtsenthoben wird. Allerdings, und das wird bei Stefanolix nicht ersichtlich, beziehen sich Klein und Diefenbach bei dieser Forderung auf angebliche Aufforderungen zu Straftaten seitens Hornscheidt.

    Was »Kritische Wissenschaft« allerdings erreichen will, ist mir auch nicht ganz klar. Artikel wie der betreffende stehen auf der Kippe zu jener Überreiztheit, die diesen Blog ein wenig zu oft kennzeichnet, nicht zuletzt im Umgang mit dem eigenen Publikum.

    • Adrian 2. Dezember 2014 um 10:58 #

      @ djadmorus
      „wie sich Frau Professor Hornscheidt *im Amt* nennen lassen möchte, ist nicht ihre Privatsache – insbesondere, wenn sie auf ihrer Webseite ausdrücklich (in Rot!) auffordert:“

      Wenn Hornscheidt nicht mit männlichen oder weiblichen Peronalpronomen angeredet werden möchte, respektiere ich diesen Wunsch. Denn ich möchte auch mit dem Pronomen angeredet werden, der meiner Identität entspricht.

  6. Michael Klein 2. Dezember 2014 um 08:56 #

    Was hat Lann Hornscheidt an einer Universität zu suchen? Welches Erkenntnisinteresse hat sie? Welchen Nutzen bringt Sie der Gesellschaft? Warum soll man einen Lkw-Fahrer dazu verurteilen, mit seinen Steuern Lann Hornscheidt zu finanzieren? Und wie stehtst Du dazu, dass Lann Hornscheidt zu Straftaten aufruft?

    • Adrian 2. Dezember 2014 um 11:08 #

      @ Michael Klein
      „Was hat Lann Hornscheidt an einer Universität zu suchen?“

      Hornscheidt hat offenbar studiert und einen akademischen Grad. Das reicht. m. E. um an einer Universität zu sein. Und weil Universitäten auch dazu da sind, neue Erkenntnisse zu beleuchten und Normen zu hinterfragen.

      „Welches Erkenntnisinteresse hat sie?“

      Dass sich nicht alle Menschen mit der Zweigeschlechtlichkeit identifizieren können. Ich finde das hochinteressant.

      „Welchen Nutzen bringt Sie der Gesellschaft?“

      Welchen Nutzen bringst Du der Gesellschaft?

      „Warum soll man einen Lkw-Fahrer dazu verurteilen, mit seinen Steuern Lann Hornscheidt zu finanzieren?“

      Weil unser Staatswesen so funktioniert. Öffentliche Einrichtungen werden mit Steuermitteln finanziert.

      „Und wie stehtst Du dazu, dass Lann Hornscheidt zu Straftaten aufruft?“

      Welche Straftaten?

  7. Christian - Alles Evolution 2. Dezember 2014 um 11:04 #

    @adrian

    Kann man in dem Fall nicht trennen. Wie Hornscheidt angeredet wird, dass wäre sicherlich Privatvergnügen. Aber das ist hier ja in eine Theorie, die Hornscheidt lehrt, eingebunden.

    Und die ist eben reine Ideologie.
    Eigentlich müssten sie die Begriffe Transsexuell und Intersexuell ebenfalls ablehnen. Denn diese sind ja ebenso zweigeschlechtlich, mit dem Zusatz, dass sich etwas zwischen den (zwei) Geschlechtern bewegt.

    Der Vorhalt, dass hier Glaubenssätze gelehrt werden statt Wissenschaft, den finde ich durchaus plausibel. Man kann sich darüber streiten, ob es gerecht ist, dass an Hornscheidt festzumachen. Hornscheidt redet nicht weniger Blödsinn als die anderen, es wird bei Hornscheidt (nervig dauernd den Namen tippen zu müssen) eben nur deutlicher, weil die vorgeschlagenen Sprachregelungen offensichtlich nicht im Alltag vermittelbar sind.

    • Adrian 2. Dezember 2014 um 11:22 #

      @ Christian
      „Wie Hornscheidt angeredet wird, dass wäre sicherlich Privatvergnügen“

      So wie es Dein Privatvergnügen ist, im Privat- als auch im Berufsleben mit männlichen Personalpronomen angeredet werden zu wollen.

      „Eigentlich müssten sie die Begriffe Transsexuell und Intersexuell ebenfalls ablehnen. Denn diese sind ja ebenso zweigeschlechtlich, mit dem Zusatz, dass sich etwas zwischen den (zwei) Geschlechtern bewegt.“

      Wer sich zwischen zwei Geschlechtern bewegt, bewegt sich nicht innerhalb, sondern außerhalb beider Geschlechter. Udn wenn dem so ist, ist es mehr als fragwürdig auf diese Person Zweigeschlechtlichkeit anwenden zu wollen.

      „Der Vorhalt, dass hier Glaubenssätze gelehrt werden statt Wissenschaft, den finde ich durchaus plausibel.“

      Und welche konkreten Glaubenssätze wären das?

      „(nervig dauernd den Namen tippen zu müssen)“

      Aber Du versuchst es. Ist das nicht schon ein Zeichen von Respekt?

      „weil die vorgeschlagenen Sprachregelungen offensichtlich nicht im Alltag vermittelbar sind.“

      Hornscheidt hat ja selbst gesagt, dass man es nicht am „x“ festmachen muss. Ob etws vermittelbar ist, wird die Zeit zeigen. Anfangs konnten sich die meisten Menschen auch nur schwer mit der Existenz von Homosexuellen oder der Homo-Ehe anfreunden.

  8. mitm 2. Dezember 2014 um 11:32 #

    Also, ich fühle mich von ätherischen Wellen durchströmt, die mir tiefste Einsichten in die Schöpfung vermitteln und mich von normalen Sterblichen unterscheiden. Ich wünsche daher, mit Euer Hochgeistigkeit angeredet zu werden. Bitte in einem Wort, also nicht Hoch-Geistigkeit. Außerdem bestehe ich auf einem eigenen 4. Genus neben männlich (bzw. androgyn), weiblich und sächlich, nämlich erleuchtet. Deklinationsformen bitte meiner Homepage entnehmen.

    [Ironie_ende]

    Man kann aus verschiedenen Sichtweisen heraus Probleme mit Hornscheidt haben, ich habe sie auf mindestens 2 Ebenen:

    1. die persönliche Ebene, auf der Hornscheidt sich einen Titel verleiht, den andere zu benutzen haben, die mit ihr zu tun haben

    2. die allgemeine Ebene, auf der sie top-down Sprachtransformationen vorschlägt, die allgemein zu benutzen sind.

    zu 1.: Die ironische Einlage am Anfang sollte klar gemacht haben, daß ihre Haltung zumindest gesagt egozentrisch ist. Anreden sind Teil der allgemeinen Kommunikation und somit Teil von gegenseitigen und einvernehmlichen Übereinkünftigen, wie man miteinander umgeht, bei denen beide Seiten mitentscheiden. Hornscheidts Haltung wirkt auf mich dagegen diktatorisch, zumal sie den Studenten gegenüber aus einer Machtposition handelt. Das ist ähnlich wie wenn der Chef seiner Sekretärin anzügliche Komplimente macht – als Mann bzw. Vorgesetzter habe ich eingetrichtert bekommen, daß dies Machtmißbrauch ist und auch in Ansätzen schärftstens mißbilligt bzw. ggf. geahndet wird (weswegen ich schon seit langem keinerlei Komplimente mehr im Beruf mache).

    zu 2.: Hornscheidt möchte offenbar gerne Mitglied in der illustren Kaste der top-down Sprachtransformatoren werden, zu der u.a. Adolf Hitler und andere bemerkenswerte Persönlichkeiten gehören. Da ich zuviel mit den Wirkmechanismen von totalitären Systemen befaßt habe, sind Sprachtransformatoren für mich leider ein rotes Tuch, und seien sie noch so gut gemeint. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Gender Studies verstehen sich bekanntlich als „angewandte Wissenschaft“, die neben (fragwürdigen) gesellschaftlichen Analysen immer auch gesellschaftliche Transformationen und praktische Politik anstrebt, so ungefähr als 6. politische Macht im Staate. Insofern unterstelle ich Hornscheidt diese politische Absicht und kritisiere sie als Politiker, nicht als Wissenschaftler.

    zu beiden Punkten: Hornscheidt benutzt letztlich durchgängig als Begründung, daß sie andernfalls persönlich schrecklich leidet, wenn das Verhalten anderer Personen oder die Rechtschreibung nicht so ist, wie von ihr gewünscht. Nach exakt dem gleichen Schema funktioniert das Definitionsmacht-Prinzip. Hornscheidts Ansinnen sind Teil einer breiten Welle von Versuchen, dieses Rechtsprinzip, das ich kategorisch ablehne, durchzusetzen. Wir sind auf dem Weg, eine Opferstatusolympiade zu etablieren, die das Grundprinzip von Demokratien, daß Mehrheiten entscheiden und jede Stimme gleich viel wert ist, infragestellt. Insofern gilt ein Teil der Kritik, die sie persönlich trifft, dieser Welle, die unser Rechtssystem unterminiert.

    Mir ist durchaus klar, daß der Schutz von bzw. Respekt vor Minderheiten einen fließenden Übergang zum Definitionsmacht-Prinzip hat und daß die Abgrenzung schwierig ist und letztlich auf eine demokratische Kompromißfindung hinauslaufen muß. In solche Verhandlungen kann man wie Hornscheidt mit einer eigenen Extremposition einsteigen, die Frage ist natürlich, ob man dann noch kompromißfähig ist bzw. erscheint. Jedenfalls kann ich keine Versuche erkennen, das eigene „Leiden“ als sozial konstruiert zu zu erkennen und zu relativieren – was insofern überraschend ist, der Feminismus offensichtlich großenteils ein System zur Erzeugung von Betroffenheit und Konfliktverschärfung ist.

    Als Mann bin ich von Kindheit an immer der Paria im Vergleich zu Frauen gewesen, der potentielle Vergewaltiger, der gefühllose Täter usw., das Übliche. Rücksichtnahme auf mein eventuell vorhandenes Gefühlsleben habe ich nie bewußt erlebt. Vielleicht kommt mir deshalb der Gedanke so unwirklich und absurd vor, daß ich mich sklavisch dem Gefühlsleben und Befindlichkeiten anderer Personen unterordnen soll. Ich habe mich ganz einfach emanzipiert von der Theorie (oder der symbolischen Ordnung nach Schrupp?), wonach das Gefühlsleben bestimmter anderer Personen für mich Gesetz ist.

    • Adrian 2. Dezember 2014 um 11:40 #

      @ mitm
      „1. die persönliche Ebene, auf der Hornscheidt sich einen Titel verleiht, den andere zu benutzen haben, die mit ihr zu tun haben“

      Es geht hier nicht um Titel, sondern um die Vermeidung des zweigeschlechtlichen Peronalpronomen in der Anrede für einen Menschen, der sich weder mit dem Geschlecht Mann, noch mit dem Geschlecht Frau identifizieren kann.

      „2. die allgemeine Ebene, auf der sie top-down Sprachtransformationen vorschlägt, die allgemein zu benutzen sind.“

      Wo ist der Unterschied zu der momentanen Sprachregelung, die Zweigeschlechtlichkeit in der Anrede vorschreibt, die allgemein zu nutzen ist? Hornscheidt will hier etwas ergänzen, für diejenigen, die sich mit dieser Zweigeschlechtlichkeit eben nicht identifizieren können. Ich finde das vollkommen legitim.

      „Als Mann bin ich von Kindheit an immer der Paria im Vergleich zu Frauen gewesen, der potentielle Vergewaltiger, der gefühllose Täter usw., das Übliche. Rücksichtnahme auf mein eventuell vorhandenes Gefühlsleben habe ich nie bewußt erlebt. Vielleicht kommt mir deshalb der Gedanke so unwirklich und absurd vor, daß ich mich sklavisch dem Gefühlsleben und Befindlichkeiten anderer Personen unterordnen soll.“

      Du möchtest als Konsequenz davon, also andere nun so behandeln, wie Du selbst eigentlich nicht behandelt werden willst? Ohne Rücksicht auf eigene Gefühle und Identitäten?

  9. djadmoros 2. Dezember 2014 um 11:48 #

    @mitm: Vielen Dank! Das ist schön ausführlich und erspart mir einen eigenen längeren Post!🙂

  10. djadmoros 2. Dezember 2014 um 12:20 #

    @Adrian:

    »Es geht hier nicht um Titel, sondern um die Vermeidung des zweigeschlechtlichen Peronalpronomen in der Anrede für einen Menschen, der sich weder mit dem Geschlecht Mann, noch mit dem Geschlecht Frau identifizieren kann.«

    Es geht hier um das, was als zumutbar oder unzumutbar deklariert wird. Abzuwägen ist, ob es den von Hornscheidt mehr oder weniger abhängigen Studenten und Studentinnen zumutbar ist, sich der geforderten Sprachregelung zu unterwerfen, oder ob es Hornscheidt zumutbar ist, weiterhin als »Frau Professor« angeredet zu werden.

    Und da bin ich ganz bei mitm: von Sprachregelungsforderungen à la Hornscheidt geht eine eigene ideologische Gewalt aus, die Gewalt eines Gesinnungsterrors, der subjektive Befindlichkeiten für unantastbar erklärt. Es ist eben ein Unterschied, ob ich einen Homosexuellen als »fag« oder »Schwuchtel« beleidige oder ob ich bloß die Befindlichkeit nicht respektiere, dass eine objektiv zum weiblichen Geschlecht gehörende Person sich subjektiv nicht als dazugehörig empfindet. Was hier stattfindet, ist ein Verwischen – nein, ein regelrechtes *Schleifen* der moralischen Maßstäbe, ein Aufmotzen von Luxusproblemen zu existenziellen Problemen, um mir eine gesellschaftliche Vorzugsbehandlung zu erschleichen oder zu erpressen.

    Ich verstehe ja, dass man als Schwuler für das empfindlich ist, was mit der gräßlichen Vokabel von der »Heteronormativität« bezeichnet wird. Aber eine implizite Sprachtheorie wie die von Hornscheidt, die behauptet, das Sprache »objektiv« Gewalt ausübe, hat damit bloß die zur Sprache gehörenden Sprecherintentionen eskamotiert, um sie gegen die *eigene* Sprecherintention auszutauschen! Im passenden Kontext kann ich meine Freundin auf eine Weise »meine süße kleine Schlampe« nennen, bei der beiden klar ist, dass es sich nicht um eine Beleidigung, sondern um ein Kompliment handelt. Für einen (feministischen) Sprachobjektivismus ohne Sprecherabsichten wäre es zwangsläufig »Sexismus«.

    Hornscheidt reinigt nicht die Sprache von Gewalt, sondern sie entkernt sie von Intentionen, um ihr *verdeckt* und uneingestandermaßen die *eigenen*, akademisch-institutionell und damit *herrschaftlich* abgesicherten Intentionen zu injizieren.

    In dem eben erst bei Genderama verlinkten Welt-Artikel von Robin Alexander wird diese Verzerrung der Maßstäbe mit einem Zitat von George Packer treffend charakterisiert:

    »Nehmen wir einen CEO, der 20 Prozent seiner Angestellten feuert und gleichzeitig eine fette Gehaltserhöhung bekommt: Vor 40 Jahren war das tabu, heute ist es normal. Vor 40 Jahren hätte dieser CEO die übelsten Dinge gegen Schwarze sagen, seine Sekretärin vögeln und im Restaurant rauchen können – niemand hätte etwas gesagt. Aber hätte er 20 Prozent der Belegschaft gefeuert und eine Gehaltserhöhung bekommen, wäre die Empörung groß gewesen. Heute kann er nichts dergleichen tun, aber seine Leute rauszuschmeißen, das ist okay. Man muss sich seine Tabus aussuchen.«

    Und genau das ist eine der gesellschaftlichen Folgen der ideologischen Dominanz politisch korrekter Sprachregelungen. Es führt letztlich dazu, dass aus Rücksicht auf Befindlichkeiten Sprache keine Medium der Kritik mehr sein darf, weil ja jemand verletzt sein könnte. Und das ist sehr, sehr weit entfernt von der privaten Entscheidung, den Wunsch eines anderen Menschen auf die Art des Anredens zu respektieren.

    • Adrian 2. Dezember 2014 um 12:32 #

      @ djadmorus
      Ich kann Deine Einwände nicht nachvollziehen.

    • Aurelie 2. Dezember 2014 um 21:35 #

      Was meinst du mit „objektiv zum weiblichen Geschlecht dazugehörige Person“ bzw. welche Merkmale muss jemand mitbringen, damit du ihn/sie/X als weiblich oder männlich einordnest? Wie hast du diese Merkmale bei Lann nachgeprüft, um eine objektive [sic! ]Aussage über das Geschlecht treffen zu können?

  11. djadmoros 2. Dezember 2014 um 12:39 #

    @Adrian:

    »Ich kann Deine Einwände nicht nachvollziehen.«

    Und ich kann Deine Generosität an dieser Stelle nicht nachvollziehen. Aber schön, dass wir drüber gesprochen haben! :-b

    • Adrian 2. Dezember 2014 um 12:44 #

      @ djadmoros
      Wie geschriebenen, berufe ich mich auf Fairness und Respekt gegenüber der geschlechtlichen Identität von Menschen.

  12. djadmoros 2. Dezember 2014 um 13:02 #

    @Adrian:

    »berufe ich mich auf Fairness und Respekt gegenüber der geschlechtlichen Identität von Menschen«

    Und (nicht nur) mein Einwand war, dass es im Falle von Hornscheidt um etwas anderes geht als um persönlichen Respekt, nämlich um Machtausübung mittels Sprache, und somit um genau das, was Hornscheidt ihrem eigenen Anspruch nach überwinden will.

  13. WTF 2. Dezember 2014 um 13:23 #

    Die Sprache gehört immer dem Angesprochenen, sagt man. Dass man darauf achtet, wenn man Lann Hornscheidt anschreibt oder anspricht, hat nur mit Höflichkeit und Respekt zu tun. Wer sich nun dagegen wehrt, beweist nicht, dass er im Umgang mit ‚Gendersprech‘ besonders vorsichtig ist, sondern einfach nur, dass er schlecht erzogen wurde.

    Allerdings hat die Geschlechtlichkeit der Grammatik überhaupt nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun. Die Form „Profesorx“ ist totaler Käse. Denn wenn ich eine Mail schreibe, dann beginne ich mit „Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Müller“ oder „Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Müller“. Ich würde niemals schreiben „Sehr geehrte Frau Professorin Doktorin Müller“, denn in der Anrede „Frau“ ist ja schon die Info über das Geschlecht enthalten, also brauche ich nicht noch die beiden akademischen Titel als weiblich markieren. Lann Hornscheidt sollte sich also lieber eine dritte geschlechtslose Form der Anrede ausdenken, denn diese könnte man ganz easy auch dann nutzen, wenn jemand keine akademischen Titel vorzuweisen hat.

    Zur Entstehung unserer drei grammatischen Geschlechter und den Zusammenhang von Sprache und Diskriminierung ist übrigens dieser Artikel sehr interessant.

    http://www.belleslettres.eu/artikel/genus-gendersprech.php

  14. Christian - Alles Evolution 2. Dezember 2014 um 18:26 #

    @adrian

    „So wie es Dein Privatvergnügen ist, im Privat- als auch im Berufsleben mit männlichen Personalpronomen angeredet werden zu wollen.“

    Ich meinte damit einfach nur, dass er das natürlich gerne einfordern kann.
    Ich kann ebenso einfordern, dass ich mit männlichen oder weiblichen Personalpronomen angeredet werde, und meine Konsequenzen daraus ziehen, wenn jemande das nicht tut.

    Wobei hier noch zu unterscheiden ist, dass Hornscheidt ein öffentliches Amt bekleidet. In Ausübung dessen können sich die Leute nicht aussuchen, mit wem sie es zu tun haben.
    Da kann man dann aus meiner Sicht auch weniger fordern: Man muss mit der üblichen Form der Ansprache zufrieden sein und kann eine große Umstellung nicht fordern.

    „Wer sich zwischen zwei Geschlechtern bewegt, bewegt sich nicht innerhalb, sondern außerhalb beider Geschlechter. Udn wenn dem so ist, ist es mehr als fragwürdig auf diese Person Zweigeschlechtlichkeit anwenden zu wollen.“

    Hornscheidt bewegt sich eher zwischen den Geschlechtern, das Bild von Hornscheidt zeigt aus meiner Sicht deutlich Züge beiden Geschlechts. Ich würde das Aussehen sogar eher für Männlicher halten, vom Gesicht her.
    „AUßerhalb der Geschlechter“, was soll das sein? Da ist ja nichts drittes.

    „Und welche konkreten Glaubenssätze wären das?“

    Der Glauben, dass das Geschlecht eine soziale Konstruktion ist, ebenso wie zwei Geschlechter, dazu anscheinend eine Definitonsmacht und die gruppenbezogenen Privilegientheorien.
    Dazu der klassische Poststrukturalistische Gedanke, dass alles durch Sprache konstruiert ist.

    „Aber Du versuchst es. Ist das nicht schon ein Zeichen von Respekt?“

    Ich kann eine solche Selbstbezeichnung durchaus respektieren und dennoch den Umgang damit nicht gut finden.
    Intersexualität macht 0,018% der Menschheit aus, der Rest (99,982%) läßt sich durchaus Mann oder Frau zuordnen. Daraus jetzt neutrale Sprachregelungen zu stricken ist einfach recht realitätsfern. Zumal die Sprache in diesen Bereichen ja bewußt kompliziert gestaltet wird, sie soll hinderlich sein, soll weniger die Kommunikation ermöglichen als eine Ideologie des Nachdenkens über andere, und sei die Gruppe noch so klein, fördern.
    Wenn wir beide Hornscheidt richtig respektieren würden, dann würden wir natürlich auch nicht auf den Namen ausweichen, sondern die vorgeschlagenen Formen verwenden. Und das Kommentieren und Artikelschreiben dann sehr kurz halten, weil es zu aufwändig ist.

    „Hornscheidt hat ja selbst gesagt, dass man es nicht am “x” festmachen muss. Ob etws vermittelbar ist, wird die Zeit zeigen“

    Das stimmt. Aber die Chancen sind denkbar schlecht. Wenn sie wenigstens Arbeit in eine praktische Sprache stecken würden, die dann geschlechterneutral ist.

    “ Anfangs konnten sich die meisten Menschen auch nur schwer mit der Existenz von Homosexuellen oder der Homo-Ehe anfreunden.“

    Genauso wie „Critical Hetness“ ein zuviel ist, wenn es um Homosexuelle geht, sind es auch die Forderungen von Hornscheidt. Das hilft Intersexuellen nicht weiter.

  15. djadmoros 2. Dezember 2014 um 22:39 #

    @Aurelie:

    Ich meine die Tatsache, dass Antje Hornscheidt als Person weiblichen Geschlechts geboren wurde, von einer Intersexualität dieser Person nichts bekannt ist und ein transsexuelles Bekenntnis nicht vorliegt. Was vorliegt, ist eine Aussage, sich keinem der beiden Geschlechter zugehörig zu fühlen. Das ist eine subjektive Aussage, wohingegen ihr biologisches Geschlecht bis zum Nachweis des Gegenteils als objektiver Tatbestand gelten darf.

    Das bedeutet wiederum, dass kein Umstand vorliegt, der einer therapeutischen Begleitung oder Rücksichtnahme wie im Falle von Trans- oder Intersexualität bedürfte. Und darum ist in moralischer Hinsicht eine Güterabwägung vorzunehmen zwischen dem, was sie ihren Studenten zumuten darf, und dem, was ihr als Lehrstuhlinhaberin zugemutet werden darf.

    Als Professorin befindet sie sich gegenüber ihren Studenten in der privilegierten Position einer akademischen Autorität, die sie dazu missbraucht, ihrer subjektiven Befindlichkeit unangemessene Geltung zu verschaffen. Unangemessen darum, weil nicht einzusehen ist, warum ihr, die sie ihre Macht aus einer akademischen Stellung bezieht, nicht auch die offizielle Bezeichnung dieser akademischen Stellung zuzumuten sein soll.

    • Adrian 3. Dezember 2014 um 11:39 #

      @ djadmoros
      „Ich meine die Tatsache, dass Antje Hornscheidt als Person weiblichen Geschlechts geboren wurde, von einer Intersexualität dieser Person nichts bekannt ist und ein transsexuelles Bekenntnis nicht vorliegt.“

      Inwiefern ist das relevant?

  16. djadmoros 3. Dezember 2014 um 11:53 #

    @Adrian:

    »Inwiefern ist das relevant?«

    Wie im Folgeabsatz ausgeführt: es lässt sich bei Hornscheidt kein »Behinderten-« oder Sonstwas-Dingenskirchens-»challenged«-Status daraus ableiten, der ihr irgendwelche Sonderrechte verschaffen könnte – es sei denn, man hält »Frau sein« für eine Behinderung. Ihre Unzufriedenheit mit der »Zweigenderung« ist insofern ihre Privatangelegenheit, auch wenn sie alles daran setzt, ein öffentliches Drama daraus zu machen.

    • Adrian 3. Dezember 2014 um 12:33 #

      @ djadmoros
      Manche würden behaupten, Du machst ein Drama draus🙂

  17. fink 3. Dezember 2014 um 13:20 #

    Die Kommentarbereiche unter diesem Blog erinnern mich oft an die Steinigungsszene in „Life of Brian.“ Einer ruft „Er hat ‚Gender‘ gesagt!“, und die weitere Diskussion kreist nur noch um die Frage: „Den Scharfkantigen, den großen Flachen oder das Paket Kies?“

    Mir gefällt es, Adrian, dass du hier konsequent aus einer Perspektive der Empathie heraus argumentierst. Diese Empathie vermisse ich schmerzlich, wenn andere hier z.B. Lann Hornscheidt per Fermdiagnose ein Geschlecht zuweisen wollen.

    Ich habe Lann einmal bei einem Vortrag gehört. Lann hat dort u.a. sinngemäß gesagt: „Wenn mir ein Mensch erklärt, dass er diskriminiert wird, dann reagiere ich nicht mit einem ‚Nerv nicht!‘, sondern höre mir erst einmal an, was er zu sagen hat und freue ich mich darüber, dass ich evtl. etwas von ihm lernen kann.“ Mich hat diese grundsätzlich offene und positive Grundhaltung beeindruckt. Alles, was Lann an Sprachregelungen vorschlug, war ganz klar als Angebot gemeint und nicht als Zwang.

    Ich ahne, dass der letzte Satz hier sofort auf Widerspruch stoßen wird. Aber ich würde mich freuen, wenn auch hier ein wenig mehr Neugier und Empathie und weniger Angst vor der „Unterdrückung der Mehrheit durch die Minderheit“ einkehren könnte.

  18. djadmoros 3. Dezember 2014 um 13:35 #

    @Adrian:

    »Manche würden behaupten, Du machst ein Drama draus :)«

    Wenn ich da der einzige wäre, würde ich mir ja Sorgen machen.🙂 Aber ich finde, ich mache immer noch ein geringeres Drama daraus als Klein und Diefenbach, denen ja Deine ursprüngliche Kritik galt.

    Für mich ist es erstens akademischer Machtmißbrauch: es macht einen Unterschied, ob die Formulierung (auf der Institutswebseite!) lautet: „Lann Hornscheidt würde es schätzen, wenn …“ oder „… würde sich freuen, wenn …“, oder ob sie lautet (in Rot!): »Achten Sie darauf, dass …« Or else? Schlechtere Noten? Verweigerung der Sprechstunde? Damit es keinen Machtmissbrauch darstellt, müsste neben solchen »ermäßigten« Formulierungen, die so etwas wie ironische Selbstdistanz erkennen ließen, eigentlich auch ein ausdrücklicher Disclaimer dort stehen: „Die Leistung der gewünschten Anrede ist keine Voraussetzung für ein Gespräch mit Lann Hornscheidt im Rahmen und Kontext ihrer Dienstpflichten!“

    Und zweitens ist es ein Selbstwiderspruch: wer selber so intensiv nach den angeblich mittels Sprache transportierten Herrschafts- und Diskriminierungsmechanismen fahndet wie Hornscheidt, sollte auch ein Gespür dafür haben, wann er selbst Macht und Herrschaft ausübt. Und genau da liegt dann der Hund begraben: ironische Selbstdistanz und Gespür für die eigene Machtausübung (und den eigenen Sexismus) sucht man bei dieser Bande vergeblich – man gehört ja zu den Guten(TM) und ist von den eigenen moralischen Ansprüchen so verspannt, dass man die Nüsse mit dem Arsch knackt!

  19. Martin 3. Dezember 2014 um 15:02 #

    Ich hatte die Sachlage bisher so verstanden, dass es sich um ein juristisches Problem handele.

    Wenn dem nicht so sein sollte, bitte berichtigen.

    Als staatlicher Beamter muss ich mich an Recht und Gesetz halten. Ich dürfte z.B. nicht die Bearbeitung eines Antrags davon abhägig machen, ob mir die Hautfarbe eines Antragstellers, dessen sexuelle Orientierung oder die Art und Weise wie er mich anspricht nicht gefällt.

    Ich hatte es so verstanden, dass Profx Lann Anträge von Studenten nicht bearbeiten will, bzw. Prüfungen schlechter bewertet, wenn ix von diesen Studente nicht in der von ix gewünschten Form angeredet wird.

    Sollte dies der Fall sein – wenn nicht, dann bitte darauf hinweisen – halte ich eine juristische Beschwerde für völlig gerechtfertig.

    Ein weiterer Punkt soll ja sein, dass Lann zu Straftaten aufrufe: Es sollen Bücher in Buchläden und Bibliotheken zerrissen und unkenntlich gemacht bzw. „entfernt“ werden, wenn diese die falschen Texte enthalten.

    Auch sollen Vorlesungen von anderen Professoren gestört werden, wenn diese das falsche lehren.

    Ich bin nicht der Meinung, dass man solchen Positionen mit Respekt und Fairness begegnen sollte – wenn sie denn stimmen.

  20. Blub 4. Dezember 2014 um 00:06 #

    Bei der Ansprache gibt es ja auch das Problem, wie kann man erkennen, was jeweils richtig ist. Und zuverlässig erkennen kann man nur Mann und Frau (und manche auch das nicht). Wenn ich jetzt bei davon nicht unterscheidbaren Menschen vereinzelt was anderes sagen muss, ist das einfach nicht machbar, da nicht vor der Kommunikation wahrnehmbar und das spricht gegen das x.

    Das gilt auch, wenn man Transsexuelle oder Crossdresser vor sich hat und dort ja schon auch wieder Mann oder Frau sagen muss und nicht unbedingt x.

    Natürlich kann man dann nach Klärung die erwartete Form nehmen. Allerdings kann auch wiederum nicht erwartet werden, dass man sich das für alle merken kann und beim nächsten Mal sicher weiss. Namen vergisst man ja auch schnell wieder.

    Ich gebe Adrian aber vollkommen recht, dass es sinnvoll ist, zu explorieren, was eine sinnvolle Lösung wäre. Vermutlich deutsch von männlichen und weiblichen Formen reinigen, brauchen viele anderen Sprachen auch nicht, wenn das auch sicher weniger Konsens hätte als ne weitere Form.

    Problematisch sehe ich, wenn da nicht akzeptierte Formen zwingend in offiziellen Amtshandlungen erwartet werden sollten. Das geht erst, wenn diese offiziell geworden sind. Ausnahme ist natürlich, wenn im Rahmen einer Prüfung zu einem Master der Gender Studies natürlich berufsentsprechende Verhaltensweisen wie gendersensible Anreden erwartet werden dürfen.

  21. Christian - Alles Evolution 4. Dezember 2014 um 12:04 #

    @fink

    „Mich hat diese grundsätzlich offene und positive Grundhaltung beeindruckt. “

    Diese Haltung finde ich auch gut. Die Frage wäre, wie Hornscheidt sie umsetzt. Würde Hornscheidt zuhören, wenn ein Mann anführt, dass er sich diskriminiert ist oder würde das gar nicht in das Vorstellungsbild passen? Denn die Privilegientheorie mit ihrer Einseitkeit vertritt Hornscheidt ja und in der ist Diskriminierung in der kategorie Sex nur in eine Richtung möglich

  22. derdiebuchstabenzaehlt 4. Dezember 2014 um 16:09 #

    „Welche Straftaten?“

    Wie nennt man das Herausreißen von Seiten aus fremden Büchern?

    Wenn die deutsche Soziologie und Gendaforschung tatsächlich festgestellt haben will, daß es Menschen gibt, die sich weder als Mann noch Frau fühlen und dies hochinteresante Forschung ist, die uniwürdig gefunden wird … bitte, gerne. Meine Vermutung, daß es sich bei Soziologie um eine gaaanz wichtige und tolle Wissenschaft handelt wird so immerhin aufs Schönste bestätigt.🙂

    Meinen Respekt hat das Lann Hornscheidt jedenfalls schon jetzt. Wenigen ist es gelungen den Soziologenirrsinn an deutschen Hochschulen so fein zu zeigen. Darauf ein xxx!

    • Adrian 4. Dezember 2014 um 16:16 #

      @ ddbz
      „Wie nennt man das Herausreißen von Seiten aus fremden Büchern?“

      Wann und in welchem Zusammenhang ist das denn passiert?

      „Wenn die deutsche Soziologie und Gendaforschung tatsächlich festgestellt haben will, daß es Menschen gibt, die sich weder als Mann noch Frau fühle“

      Das haben nicht nur die deutsche Soziologie und Genderforschung festgestellt sondern auch die deutsche Psychologie, die deutsche Biologie und die deutsche Medizin. Und nicht nur die deutsche, sondern auch die internationale.

      Und ich habe diese Menschen sogar schon mal live und in Farbe gesehen.

  23. djadmoros 4. Dezember 2014 um 16:37 #

    @ddbz:

    »Meine Vermutung, daß es sich bei Soziologie um eine gaaanz wichtige und tolle Wissenschaft handelt wird so immerhin aufs Schönste bestätigt.«

    Zum Soziologen-Bashing bitte hier entlang!

  24. Atacama 4. Dezember 2014 um 17:55 #

    Hier ist der ganze Beitrag. Zum Russland wo Homosexualität erlaubt ist und gelebt werden kann.

    http://www.spiegel.tv/filme/dbate-leben-unter-putin/

  25. stefanolix 4. Dezember 2014 um 19:20 #

    Ich wende mich ausdrücklich dagegen, Frau Prof. Hornscheidt persönlich anzugreifen oder verbal zu erniedrigen oder ihre Entlassung zu fordern.

    Es gibt für ein Lehrverbot keine Handhabe. Es ist ja (leider) kein Geheimnis, dass unter den vielen Professoren an deutschen Hochschulen auch welche sind, die keine wirkliche Leistung bringen – aber es ist extrem selten, dass jemand deshalb seinen Posten verliert. Deshalb sind diese Forderungen erstens rein symbolisch und zweitens unangemessen.

    Schaut man sich die Ankündigungen zu Frau Prof. Hornscheidts Lehrveranstaltungen an, gewinnt man den Eindruck, dass man da nur Sprachbrocken vor die Füße geworfen bekommt. Die kurzen Texte sind unstrukturiert, das meiste ist in Kleinschreibung gehalten, es ist kein roter Faden erkennbar. Das ist in der Tat unprofessionell – aber kein Kündigungsgrund.

    Zu der Gaga-Seite »xart splitta«: Es ist nicht bekannt, ob auf diesen Aufruf hin Straftaten begangen wurden.

    http://www.xartsplitta.net/offene-liste-interventions-ideen-formen-inspirationen/

    Allerdings trägt Frau Prof. Hornscheidt dafür im Impressum die Verantwortung. Im Zweifel wird sie behaupten, es sei eine Art Aktionskunst. Insgesamt finde ich das alles kindisch und dumm. Aber es ist in einem freien Land auch erlaubt, Bücher zu schwärzen oder sogar zu verbrennen – wenn man denn vor aller Welt wie ein Idiot dastehen will.

  26. djadmoros 4. Dezember 2014 um 21:52 #

    @Atacama:

    »… Russland …«

    Worin besteht denn da der Bezug zum Thema dieses Blogposts?

  27. Atacama 4. Dezember 2014 um 22:18 #

    nirgendwo. Ich wollte es nur mitteilen. Ist das strafbar?

  28. djadmoros 5. Dezember 2014 um 07:45 #

    @Atacama:

    »Ist das strafbar?«

    Nö. Mir war nur nicht klar, ob ich einen Bezug verpasst habe, zumal die Formulierung »Hier ist der ganze Beitrag« nahelegt, dass zuvor von einem Teil dieses Beitrags die Rede war.

  29. m 5. Dezember 2014 um 14:55 #

    „Ein weiterer Punkt soll ja sein, dass Lann zu Straftaten aufrufe: Es sollen Bücher in Buchläden und Bibliotheken zerrissen und unkenntlich gemacht bzw. “entfernt” werden, wenn diese die falschen Texte enthalten.

    Auch sollen Vorlesungen von anderen Professoren gestört werden, wenn diese das falsche lehren.“

    Eben. Wo ist denn da Hornscheidts Empathie? Ich halte es wie mit Religion: Du sollst dein Spielzeug haben, kein Ding, du kannst aber nicht verlangen, dass auch ich mit deinem Spielzeug spielen soll.

  30. Athi 7. Dezember 2014 um 19:54 #

    Ich versteh das Hornscheidt nicht. Wir haben doch bereits ein genderkonformes, dritte Geschlecht. „sehr geehrtes Professor“ ist nicht männlich ist nicht weiblich. Also alles in Butter. Ach, „das“ ist wieder nicht emanzipiert genug, weil es schon 500 Jahre existiert? Ohhhhh…Herrschaftszeiten!

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