Kann man Schwule vergewaltigen?

8 Feb

In Bielefeld wird zur Zeit vor dem Landgericht der Vorwurf sexuellen Missbrauchs von Kindern verhandelt. In der Berichterstattung heißt es dazu:

Zudem möchte die Verteidigung das älteste Opfer noch einmal hören. Vor einigen Tagen hatte ein Freund des inzwischen 19-jährigen Opfers aus Bünde ausgesagt, dass sein Freund zur Homosexualität neige. Das hatte der 19-Jährige Anfang Dezember jedoch abgestritten.

Ich frage mich, was die Frage nach der wie auch immer gearteten sexuellen Orientierung des Opfers eines sexuellen Missbrauchs in der Verhandlung des Vorwurfs gegen den Angeklagten zu tun hat. Will der Verteidiger etwa darauf hinaus, dass man einen schwulen Jungen – als Mann – nicht vergewaltigen kann, weil der doch Spaß daran haben müßte? Das Argument wäre ähnlich überzeugend wie das, man könne als Mann eine Frau nicht vergewaltigen, weil die schließlich Spaß an heterosexuellem Geschlechtsverkehr habe. In den Augen des Verteidigers implizierte das vermutlich eine geringere Schuld.

Vielleicht will der Herr Rechtsanwalt auch darauf hinaus, dass die Schwere der Tat bei einem schwulen Jungen weniger gegeben sei als bei einem heterosexuellen Jungen, weil letzterer durch eine homosexuelle Vergewaltigung schwerer traumatisiert würde? Das wäre natürlich Unsinn. Schließlich bleibt Vergewaltigung Vergewaltigung, ungeachtet der sexuellen Orientierung des Opfers. Zudem kann ein schwuler Junge durch eine von einem Mann begangene Vergewaltigung in seiner sexuellen Identitätsfindung verunsichert werden, wenn er die Vergewaltigung fälschlicherweise mit Homosexualität gleichsetzt.

Schlimmstenfalls gerät er in einer solchen Not-Situation an einen Berater wie den künftigen Linzer Weihbischof Gerhard Maria Wagner, der

für eine Behandlung Homosexueller ein(tritt). Wagner auf die Frage, ob Homosexualität heilbar sei und Homosexuelle behandelt werden sollten: „Dafür gibt es genügend Beispiele, nur davon spricht man nicht.“

Wie praktisch! Da verfehlt ein Oberhirte der Religion, die sich der Verkündigung und Praktizierung der Nächstenliebe verschrieben hat, dieses Ziel um 100 % und schuld sind die, die es abbekommen, ganz allein. Weil sie einem der letzten Aufrechten wie dem Wagner verbieten wollen, von der Heilbarkeit der Homosexualität zu sprechen, Sie wissen schon, die internationale Homosexuellen-Lobby ist gemeint, die auch das EP schon in ihren Krakenfingern hat.

Natürlich gibt es kein einziges Beispiel für die Heilbarkeit von Homosexualität (für die Heilbarkeit von Heterosexualität übrigens auch nicht) und trotzdem wird von christlichen Fundamentalisten katholischer wie protestantischer Provenienz am laufenden Band darüber gesprochen. Soviel also zum „Tabu-Thema“ Heilbarkeit von Homosexualität.

Wovon Leute wie Wagner nicht sprechen, das sind die regelmäßigen Rückfälle der Schwulen, die zuvor angeblich „geheilt“ wurden. Tatsächlich behaupten ja auch sogenannte Homo-Heiler nicht einmal, sie seien in der Lage, die sexuelle Orientierung zu verändern. Die Behauptung lautet lediglich, sie könnten dem einen oder anderen geplagten Homosexuellen dabei helfen, seine Triebe in den Griff zu bekommen, d. h. enthaltsam zu leben. Dafür allerdings bräuchte man keine Kirche und selbst die schaffen das von ihnen Behauptete regelmäßig nicht.

Für den Bielefelder Prozess bleibt zu hoffen, dass es Journalisten gibt, vielleicht sogar einen Richter, der die Unterstellung des Verteidigers als das zurückweist, was sie ist: nicht sachgemäß und für die Urteilsfindung völlig unerheblich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

%d Bloggern gefällt das: