Queer for Palestine

12 Jun

Die Trägerin des diesjährigen Zivilcouragepreises des Berliner CSD e.V. heißt Judith Butler. Was zeichnet Butler aus? Lauschen wir dem Berlin Pride Guide 10:

Ihre Gender-Theorien sind Popkultur, ihre Thesen zum Queer-Begriff eine Inspiration. Die Philosophin und Tochter einer jüdischen Familie aus Cleveland, füllt große Hallen und begeistert das Publikum durch ihr sympathisches wie nachdenkliches Auftreten.

Sie setzte sich, wie der CSD-Verein stolz verkündet,

unüberhörbar gegen die Kriegspolitik der letzten US-Regierung ein

– obwohl es dafür, zumal in Deutschland, wahrlich keine Zivilcourage bräuchte. Doch damit nicht genug, versucht Butler aktuell, „queere Politik“ für ihre sonstigen politischen Vorstellungen zu funktionalisieren:

Gegenwärtig kreisen ihre Theorien auch um die Frage, wie queere Politik aussehen könnte, wenn sie Teil einer Friedensbewegung wäre.

Und es spricht ein weiterer Grund dagegen, ausgerechnet Butler einen Zivilcouragepreis zuzuerkennen. Zwar kämpft sie

vorgeblich für Frauenrechte und gegen sexualisierte Gewalt, agitiert aber gegen die einzige westliche Demokratie im Nahen Osten und kuschelt dafür mit misogynen, islamistischen, jihadistischen oder auch arabisch-nationalistischen Gruppen, die gegen Israel kämpfen.

Schon 2005 war in konkret zu lesen:

Ihr Bewerbungsschreiben enthält sogar ein speziell für den deutschen Markt verfaßtes Nachwort: eine Aufforderung an die Landsleute, ihre Israelkritik endlich „öffentlich zum Ausdruck zu bringen“. Sie werden es verstehen.
Denn Frau Butler wird von der Antisemitismuskeule bedroht. Vom „furchtbaren Vorwurf“ des Präsidenten der Uni Harvard, die antiisraelischen „fortschrittlichen Intellektuellen“ befürworteten „Aktionen, die in ihrem Effekt antisemitisch sind“, fühlt sie sich „mundtot“ gemacht; und dagegen geht sie, erstaunlich redselig für eine Mundtote, in ihrem Essay an. Es komme doch nur darauf an, was man „wirklich meint“, als Israelkritikerin; und wenn das nicht die Juden sind, sondern nur ihr Staat, ist doch alles gut.

Mit der gleichen kalkulierten Treuherzigkeit legitimiert sich Butlers Israelkritik. Aus dem Brief einer Aktivistin vor Ort erfährt die Leserin von einer „Graswurzelbewegung“ gegen die Besatzung, die wahrhaft vorbildlichen „Umgang mit Geschlecht, Klasse, Sexualität und Rasse“ pflegt – kurz, von einer „echten Gemeinschaft“ aus dem postmodernen Puppenstubenidyll.

Es ist der klassische Dreh des zeitgenössischen Antizionismus. Sein Credo lautet nicht Umsturz und Blutvergießen, sondern Mitleid und Menschenrecht: ein Antizionismus der Herzen, der unmittelbar dem Wahren, Schönen und Guten entspringt. Butler bedient ihn meisterhaft: Wer dabei ist beim basisdemokratischen Kampf gegen Israel, kann einfach kein schlechter Mensch sein. Der darf, ganz ohne Sünde, den ersten Stein werfen und etwa, Seit an Seit mit der Jeanne d’Arc des Poststrukturalismus, die Streichung des Rückkehrrechts, des israelischen Schutzversprechens gegen den weltweiten Antisemitismus, fordern, ohne daß ihm einer böse werden dürfte. Butler findet nichts dabei, Israel finanziell erledigen zu wollen – „Desinvestition“, wie sie es vornehm nennt.

Am Vorabend der diesjährigen Berliner CSD-Parade hält Butler an der Berliner Volksbühne einen Vortrag über

Queere Bündnisse und die Antikriegspolitik

– und damit keiner auf die Idee kommt, mit einem solchen Vorhaben pinkle Butler ihrer eigenen Theorie ans Bein, wonach Identitätspolitik abzulehnen sei, weil sie neue Ausgrenzungen produziere, wird im Ankündigungstext zur Veranstaltung flugs erklärt, es gehe darin um

Aspekte einer queeren Friedenspolitik, die „queer“ nicht als Identitätskonzept, sondern als Bündnisform zu theamtisieren sucht.

Der Berlin Pride Guide verrät die zentrale Fragestellung des unappetitlichen Vorhabens:

Angenommen queere Politik wäre Teil einer Friedensbewegung: Wie sollte sie aussehen?

Und damit es garantiert keine Missverständnisse gibt, darf der Hinweis nicht fehlen, welches Land einer Friedensbewegung am ehesten bedarf:

Das Nebeneinander der israelischen Queer-Bewegung und des Israel-Palästina-Konflikts ist der Ausgangspunkt und ein brisantes Spannungsfeld,

das auch noch ein paar Phrasen mehr verträgt:

Welchen Stellenwert hat queere Politik in einer Welt, in der Krieg alltäglich erscheint und ganze Völker einem ständigen Bedrohungszustand hoffnungslos ausgesetzt sind?

Einen sinnvollen laut Butler nur dann, wenn sie sich als ein Bündnis versteht,

Ein Bündnis, im Kampf gegen zunehmende Militarisierung.

Organisiert wird der Abend für die Demilitarisierung Israels von der Initative Queer Nations, die sich bereits 2007 mit einer Veranstaltung daran versuchte, an der Zurichtung des homosexuellen Mannes zum revolutionären Subjekt mitzuwirken. Wobei das wesentliche Merkmal dabei nicht die sexuelle Orientierung sein kann, sondern die richtige Gesinnung. Gegen den Krieg zu sein ist schließlich irgendwie voll queer. Wenn das so weiter geht, müssen sich die Kreuzberger Alternativen eines Tages fragen, ob sich die Spaltung in zwei CSDs noch aufrechterhalten lässt.

Letztendlich sind Butlers Eskapaden wie die Preisverleihung an sie ein weiterer Grund auch in Zukunft schlicht schwul zu sein. Mit allen Differenzen, die solch eine private Angelegenheit in der politischen Meinung wie im persönlichen Geschmack mit sich bringt und die es auszuhalten, bei Bedarf auch auszutragen gilt. Ganz ohne queeres Gemeinschaftskuscheln in der Bewegung, die in Deutschland immer noch die Herzen höher schlagen lässt, der für den totalen Frieden.

13 Antworten zu “Queer for Palestine”

  1. TimoH. 13. Juni 2010 um 13:35 #

    OMG! Mein gesamtes Studium musste ich mit irgendwelchen Hennafrauen und Achselhaarschungeln immer wieder aufs Neue Judith Butler studieren, Gender trouble und Bodies that matter bis mir die Bodies aus den Ohren rauskamen und zwar keine leckeren Männerbodies, sondern immer nur ungepflegte Frauen; ungefähr genauso nervig wie Michel Foucault, von dem Hervé Guibert zu berichten weiß, dass er die Anpissorgien in San Francisco als Ort gesellschaftlicher Solidarität auffasste. Gehört sie nicht auch zu denjenigen Frauen, die sich gerade wieder total performativ mal mein Kopftuch aufsetzen, um sich der eigenen Weiblichkeit so richtig bewusst zu werden?

    • Damien 13. Juni 2010 um 15:53 #

      „ungefähr genauso nervig wie Michel Foucault, von dem Hervé Guibert zu berichten weiß, dass er die Anpissorgien in San Francisco als Ort gesellschaftlicher Solidarität auffasste“
      Das haben Anpissorgien nicht verdient. Für die Rettung des Fetischsex‘ vor seiner Politisierung!

  2. Adrian 13. Juni 2010 um 15:06 #

    @ Timo
    „Gehört sie nicht auch zu denjenigen Frauen, die sich gerade wieder total performativ mal mein Kopftuch aufsetzen, um sich der eigenen Weiblichkeit so richtig bewusst zu werden?“

    Butler? Nee, die hält nichts vom Konzept der Weiblichkeit. Andererseits, immerhin geht es ums Kopftuch. Das ist schließlich progressiv und antiwestlich.

  3. TimoH. 13. Juni 2010 um 15:29 #

    Ja, das meinte ich ja gerade, dass unter dem Einfluss von so progressiven Dingen wie dem Kopftuch all das gelebt werden kann, was man vorher so kategorisch ablehnte. Natürlich ist sie ziemlich unweiblich (euphemistisch gesprochen), der Hass auf die Freiheit, der vorher in totalitär verquarzten Werken wie Gender trouble zum Ausdruck kam, findet hier nur neue Kanäle… auf einmal ist es Weiblichkeit, aber natürlich eine total „progressive“ und den Westen hassende: zweimal Selbsthaß nur anders artikuliert. Hilfe, das ist alles sehr kompliziert, wir sind aber eigentlich einer Meinung.. Nur komisch, dass unter dem Einfluss des Islamo-Faschismus so althergebrachte Kategorien wieder an Aktualität gewinnen. Well, komisch auf den ersten Blick, bei Lichte betrachtet, sind sichjbeiden ideologisch recht nahe.

  4. TimoH. 13. Juni 2010 um 16:12 #

    Wieso das denn jetzt?
    Pissen ist total politisch, gegen das Establishement und langweiligen schwul-spießigen und neo-bourgeoisen Long-Island Anal-Sex… Der klassische Fick ist sowas von etabliert, da müssen schon härtere Geschütze aufgefahren werden….

  5. Adrian 13. Juni 2010 um 16:14 #

    Long-Island Anal-Sex? Klingt interessant.

    • Damien 13. Juni 2010 um 16:57 #

      Mir scheint, das solltet Ihr unter vier Augen ausdiskutieren, sozusagen im geschütz-ten Rahmen. 😉

  6. TimoH. 13. Juni 2010 um 20:10 #

    Hmm, vielleicht können wir ja zu dritt mal einen Long Island Ice Tea trinken?

  7. Adrian 13. Juni 2010 um 20:23 #

    Klar 😀

  8. TimoH. 13. Juni 2010 um 20:28 #

    Prima… Melde mich dann rechtzeitig….

  9. schwules mädchen 20. Juni 2010 um 08:21 #

    nunja, ich die hier (nach Augenschein) auch eher als eine der ungepflegten, ätzenden Frauen bezeichnet werden würde, muss euch zu, sagen wir, 2/3 recht geben.
    Erstmal: ich bin auch tierisch gepisst (ohne an eurer Party teilnehmen zu wollen) von dieser einseitigen Manöverkritik an Israel, die sich ewig schon durch die Linke zieht. Und jetzt wird, durch ein paar selbsternannte Friedensaktivist_innen, mir auch noch das Queersein vermiest. Okay ich weiß, dass es keine amorphe Gruppierungen gibt die per se gut oder schlecht sind. Doch ärgert mich, dass einige (auch solche Ikonen wie J. B.) diese Gruppierung für ihre kruden Ansichten einnehmen möchten.
    Also ich bin beispielsweise dafür, dass jede Frau ihre Klitoris behalten sollte (zum Thema: FGM), zumal die Betroffenen kleine Kinder sind, die vorher nicht gefragt werden. Dass es nun so genannte Feministinnen gibt die dieses Verbrechen als Ding „von Frauen für Frauen“ bezeichnen um sich ihrer männlichen Anteile zu entledigen(!!!), vernachlässigt den simplen Fakt, dass hier sehr wohl ein Machtverhältnis vorliegt und zwar Erwachsene vs Kinder.
    dies um nur eine der absurden Blüten zu erwähnen, die derzeit duch den Postkolonialen Feminismus kreisen.
    Dann möchte ich aber auch sagen, dass nicht alles was aus dieser Ecke kommt scheiße ist. Die Ansätze sind ein wichtiger Beitrag um weiße Definitionsmacht zu hinterfragen.
    Aber wie kommen diese ‚Friedensaktivist_innen‘ zu dem schluss, sich solche Freund wie die Hamas zu suchen?? i don’t get it.
    Ich möchte abschließend sagen dass meine Solidarität all jenen gilt, die wegen ihrer Sexualität verfolgt werden, all jenen die wegen was auch immer verstümmelt werden sowie last but not least Israel als Schutzraum vor Antisemitismus und als einzige Demokratie in diesen Gefilden.
    P.S.: ich kann eigentlich keine ideologische Nähe von Gendertheorie und IslamoFaschismus erkennen. Im Gegenteil.

Trackbacks/Pingbacks

  1. » israelsoli I | kotzboy.com - 12. Juni 2010

    […] zu bezeichnenden jüngeren äußerungen der baldigen gäste der “volksbühne” judith butler und alain […]

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